Mit einem Kulturwandel bessere Qualität in der biomedizinischen Forschung schaffen

Das BIH hatte eingeladen, und der Superstar kam: Am 12. Mai 2016 hielt Professor John P.A. Ioannidis von der Stanford University den ersten Vortrag in der Reihe "BIH Annual Special Lecture". Etwa 250 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten dem Experten für "Meta-Forschung", der sich für die Verbesserung der Qualität wissenschaftlichen Forschens und Publizierens einsetzt – und bei seinem Berliner Vortrag zahlreiche Anregungen parat hatte.

John Ioannidis ist ein Meister der Provokation – und zählt auch deswegen zu den einflussreichsten Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein 2005 publizierter Artikel "Why Most Published Research Findings Are False", einer der am meisten zitierten wissenschaftlichen Artikel überhaupt, war ein wichtiger Anstoß für die Qualitätsdebatte vor allem in der biomedizinischen Forschung, der Ioannidis in diesem Artikel ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt hatte: Nur ein geringer Prozentsatz der Arbeiten wiesen korrekte, exakt reproduzierbare Ergebnisse auf. Diesen Befund, dass etwas grundsätzlich schief läuft im "System Wissenschaft", bestätigte der Forscher, selbst Mediziner, in zahlreichen späteren Publikationen, etwa in einer Arbeit, die zeigte, dass je nach Studiendesign verschiedenen Obst- und Gemüsesorten entweder krebspräventive oder krebserzeugende Wirkungen zugeschrieben werden.

Auch in seinem Berliner Vortrag legte John Ioannidis den Finger in die Wunde, zum Beispiel mit Zahlen, die er und sein Team für eine kürzlich publizierte Studie zusammengetragen hatten: "96 Prozent der heute veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel im Bereich Biomedizin nehmen für sich in Anspruch, bedeutende, weil statistisch signifikante Ergebnisse zu publizieren – das ist einfach ärgerlich und bedeutet letztlich genau das Gegenteil", sagte er. Seine Diagnose: Wer heute publiziert, nutzt zu kleine Stichproben (die Fallzahl ist meist kleiner oder sogar deutlich kleiner als 50), wählt Methoden, Standards und Hypothesen nach eigenem Gusto, unterlässt es, seine Ergebnisse mittels Reproduzierung zu bestätigen, und verzichtet darauf, Daten zu teilen, also eigene Daten freizugeben und Daten anderer zur eigenen Untersuchung hinzuzuziehen. So entstünden laut John Ioannidis massenhaft Studien mit fragwürdigem Nutzen – und zwar regelhaft, nicht ausnahmsweise. Sogar in der präklinischen Forschung, wenn es also um die konkrete Entwicklung von Therapien und Medikamenten geht, seien je nach Themenfeld nur 11 bis 25 Prozent der Ergebnisse reproduzierbar, sagte John Ioannidis. Damit würden unnötig Zeit und Ressourcen für Forschung verschwendet, die nicht in wirksame Mittel gegen Krankheiten des Menschen umgesetzt werden kann.

Als Lösung hat der Forscher nichts Geringeres als einen Kulturwandel des wissenschaftlichen Arbeitens und Publizierens im Sinn. Studien müssten generell in einem größeren Maßstab durchgeführt werden und in gemeinsam arbeitenden Teams, auch von verschiedenen Institutionen. Datenbasis, Protokoll, verwendete Methoden und der Analyseplan sollten schon während der Durchführung einer Studie offengelegt werden, so dass andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit haben, Feedback zu geben und so die Qualität der Arbeit zu verbessern. Standards sollten vereinheitlicht und verbindlich gemacht werden, damit Arbeiten sich besser vergleichen lassen. Auch Studien, die fehlschlagen, sollten der scientific community zugänglich gemacht werden – "damit der gleiche Fehler nicht wiederholt wird", sagte John Ioannidis. Wissenschaftliche Institutionen sollten ihre methodische und statistische Ausbildung verbessern; wer bei angesehenen Journals publiziert, sollte dazu verpflichtet werden, zugleich seine Daten, Methoden und Protokolle zu veröffentlichen.

Dieser Kulturwandel sei bereits im Gange, befand Prof. Ulrich Dirnagl in der anschließenden Diskussion. Er ist Charité-Forscher und Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees, das John Ioannidis an das BIH eingeladen hatte. "An der Charité haben wir inzwischen die Promotions- und Habilitationsordnungen angepasst, in denen neue Kriterien ergänzt wurden, etwa zur leistungsorientierten Mittelvergabe", berichtete Uwe Dirnagl. Er betonte außerdem, dass qualifiziertes Feedback von peers auf Veröffentlichungen wertvoll und wünschenswert sei – "es muss aber auch als solches wertgeschätzt werden, und das sehe ich zurzeit noch nicht", sagte der Charité-Forscher. Dass der hierfür nötige Kulturwandel nicht einfach zu bewerkstelligen sei, darin waren sich die Diskutanten aus dem Publikum und John Ioannidis einig, der erneut betonte, wie wichtig es sei, dass sich möglichst viele Forscherinnen und Forscher und Stakeholder wie Universitäten und Journals für die nötigen Änderungen einsetzen und sie selbst praktizieren. "Was nicht im Labor ankommt, funktioniert auf Dauer nicht", sagte John Ioannidis. Das überwiegend junge Publikum im Auditorium des Kaiserin-Friedrich-Hauses wird ihn verstanden haben.

Text: Wiebke Peters