Folge 14: Wie gefährlich sind neue Viren?

21. Januar 2020

Interviewpartner: BIH Professor Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, Koordinator im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung DZIF

Herzlich willkommen zum BIH-Podcast „Aus Forschung wird Gesundheit“ aus dem Berlin Institute of Health. Wir wollen in diesem Podcast Fragen beantworten rund um das Thema Gesundheit und Gesundheitsforschung. Mein Name ist Stefanie Seltmann.

Heute bin ich zu Gast im Institut für Virologie der Charité bei BIH-Professor Christian Drosten, dem Direktor des Instituts. Professor Drosten hat gerade eine Arbeit veröffentlicht, in der er berichtet, dass er in Insekten Hunderte von neuen Viren gefunden hat. Und ich möchte gerne wissen, wie gefährlich diese neu entdeckten Viren für uns Menschen sind.

Seltmann: Herr Prof. Drosten, bevor wir uns den neuen Viren aus Insekten zuwenden, zunächst die Frage: Gerade ist ja in China ein gefährliches neues Virus aufgetaucht, an dem sogar schon Menschen gestorben sind, wissen Sie, was für ein Virus das ist?

Drosten: Ja, es handelt sich da um ein Corona-Virus. Einige Experten, zu denen ich durchaus auch ... mich dazurechne würden sagen, das ist ein neuer Typ des Sars-Virus, sehr nahe mit dem Sars-Virus verwandt.

Seltmann: Und was bedeutet das? Müssen wir besorgt sein?

Drosten: Es ist im Moment eine etwas unklare Lage in China. Die Stadt Wuhan, eine sehr große Stadt, scheint das Zentrum dieses Geschehens zu sein. Chinesische Behörden haben zunächst mal gesehen, dass ein bestimmter Tiermarkt offenbar als Quelle gedacht werden kann. Wir sehen aber jetzt in den letzten Tagen Fälle, die nicht eindeutig mit diesem Tiermarkt in Zusammenhang stehen. Es gibt eine Familienübertragung in Wuhan. Und es gibt Reisende in Thailand sowie in Japan, die jeweils laborbestätigt sind und keinen Kontakt zu diesem Tiermarkt in Wuhan hatten.

Seltmann: Das heißt, das Virus ist vermutlich von Mensch zu Mensch übertragbar?

Drosten: Ich gehe im Moment davon aus, dass es zumindest mal in begrenzter Art und Weise von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Wie weit das Ganze schon verbreitet ist in der Bevölkerung in Wuhan, ist vollkommen unklar.

Seltmann: Weiß man denn, woher das Virus stammte?

Drosten: Wir können darüber auch nur spekulieren, weil wir ja so erst mal keinen Zugriff zum Geschehen haben. Die chinesischen Kollegen beforschen das momentan. Wir wissen aber, dass von dem nahen Verwandten Sars-Corona-Virus ja ein Übertragungsmuster besteht. Und das ist eben, dass Fledermäuse dieses Virus haben, auch dauerhaft haben. Und dass damals im Jahr 2002, als es zu einem Übergang kam auf den Menschen, offenbar Karnivore beteiligt waren, wilde Karnivore. Man spricht von Schleichkatzenarten, aber auch Marderhunde sogenannte Racoon Dogs, die positiv für das Virus getestet worden sind. Und mit denen hat der Mensch doch einiges zu tun. Zu der Zeit wurde Fleisch von diesen Tieren gegessen als exotische Spezialität, und auch das Fell von diesen Tieren wird gehandelt.

Seltmann: Das heißt also, dieses Virus kam vermutlich aus einem Säugetier? Auch Hanta-Viren kommen aus Mäusen. Das Sars-Virus kam aus Schleichkatzen. Wie kamen Sie denn dann auf die Idee, in Insekten nach Viren zu suchen?

Drosten: Wir haben schon seit längerer Zeit eigentlich zwei große Forschungslinien in dieser großen Frage, woher kommen Virusepidemien. Das eine sind eben direkte Neuakquisitionen des Menschen. Und da ist es nun mal so, dass ein Säugetiervirus schon mal auf Säugetiere adaptiert ist und dann zum Menschen leichter wechseln kann als ein Virus, das aus irgendeiner anderen Tierklasse kommt. Darum haben wir sehr systematisch in Säugetieren gesucht haben und Viren dann bearbeitet. Und die andere Arbeitsebene ist eben Insekten. Wir haben ja vektorübertragene Erkrankungen wie Dengue-Fieber oder Westnilfieber. Das war eigentlich unser Anhaltspunkt, damit anzufangen vor sicherlich mehr als 15 Jahren. Und wir kamen dann irgendwann auf die relativ naheliegende Überlegung, dass die Medizinforschung eigentlich sich vor allem für blutsaugende oder blutessende Insekten interessiert hat, also eben Moskitos vor allem oder auch Zecken als Krankheitsüberträger, während aber die Insekten natürlich viel, viel komplexer sind. Und wenn man evolutionsbiologisch dieses Virusproblem anschaut, also die Akquise von neuen Viren durch den Menschen, dann wird natürlich klar, dann muss man da suchen, wo eine sehr große Diversität von möglichen Wirtstieren ist, also in großen Ordnungen von Insekten, die bis jetzt nicht beforscht sind und zu denen nicht die Moskitos gehören. Und dann ist natürlich so, es muss ja nicht ein Virus immer nur über eine Blutmahlzeit übertragen werden, sondern Säugetiere fressen ja massenweise Insekten. Es gibt viele Säugetierarten, die sich fast ausschließlich von Insekten ernähren. Und diese Nahrungsinsekten sind ganz andere Tiere. Das sind Tiere, an denen einfach etwas mehr Fleisch dran ist, sowas wie Motten und Schmetterlinge zum Beispiel oder Käfer. Und darum haben wir uns vor einigen Jahren zusammengetan mit Insektenexperten, es gibt ein internationales Konsortium, das sich zum Ziel gesetzt hat, alle Hauptlinien der Insekten auf Transkriptomebene zu beforschen. Und mit denen haben wir dann gearbeitet.

Seltmann:  Wie kann man sich denn so eine Suche nach Viren in Insekten vorstellen? Haben Sie da die kleinen Käfer und untersuchen die unter dem Mikroskop oder unter dem Elektronenmikroskop nach Partikeln? Oder durchforsten Sie das Erbgut der Insekten nach Viruserbgut? Oder wie stellt man sich das vor?

Drosten: Ja, es ist ein relativ großes Projekt für uns, und wir unterteilen das in Arbeitsabschnitte. Und wir sind im Moment besonders an RNA-Viren interessiert. Die erste Veröffentlichung ist aus dieser Unternehmung jetzt auch erschienen. Eine Veröffentlichung alleine über Minusstrang-RNA-Viren, also Viren, die ein minussträngiges Genom haben, das aus RNA besteht. Es gibt auch DNA-Viren. Und es gibt auch RNA-Viren, die ein plussträngiges oder ein doppelsträngiges RNA-Genom haben. Die folgen noch in der näheren Zukunft. Und unsere Kollegen, die jetzt die Insektengenetik als Forschungsfeld haben, die teilen im Prinzip ihre Befunde auf in Interessantes, und was sie dann selber beforschen, und für sie Uninteressantes, Und da sind dann unsere Befunde drin. Das sind dann Viren, die als Infektion in diesen Insekten vorkommen. In den meisten Fällen sind das größere Gruppen von Insekten, aus denen diese Proben genommen wurden. Und genau wie bei Tieren und bei Menschen auch: Wenn größere Gruppen zusammenkommen, dann kommt es immer mal zu Infektionskrankheiten. Und diese Viren, die Infektionen in diesen natürlich vorkommenden Insekten verursachen, die haben wir eigentlich in unserer Studie als Zufallsbefund zunächst gesehen und dann systematisch weiter untersucht, sodass wir möglichst vollständige Virusgenome zusammenbauen konnten.

Seltmann: Also noch mal so ein bisschen für Laien übersetzt: Man untersucht das, was die Insekten in ihren Zellen so an Erbgut haben, und findet dabei eben zufälligerweise auch Erbgut von Viren?

Drosten: Richtig. Die Viren, RNA-Viren vermehren sich in der Zelle der Insekten, des Wirtsorganismus, und dort haben unsere Kollegen eben auch nach RNA-Transkripten geschaut für die Transkriptomstudie.

Seltmann: So, und jetzt haben Sie da also Viren gefunden. Was für Viren haben Sie denn gefunden? Kann man das sagen? Sind das spezielle Insektenviren? Sind die möglicherweise auch gefährlich für uns Menschen? Könnten die übertragen werden? Wie sahen die aus?

Drosten: Wenn man solche Virusbefunde anschaut, dann muss man das so in zweierlei Hinsicht tun. In erster Hinsicht ist das erst mal die Systematik und Klassifikation dieser Viren. Bei den Minusstrang-RNA-Viren kennen wir eine ganze Gruppe von Viren in Tieren, also Säugetieren auch und auch im Menschen. Und in diesem Fall sind das minussträngige Viren. Da gehört beispielsweise das Tollwutvirus dazu, das Masernvirus, das Ebola-Virus ist da auch dabei. Und dann kann man weiterdenken. Also Hanta-Virus beispielsweise, Lassa-Virus, Krim-Kongo-Virus, solche Vertreter. Auch das Influenza-Virus ist da dabei. Und ich könnte jetzt diese Liste von bekannten Viren des Menschen noch weiterspinnen. Alles das gehört in diese Virussystematik rein. Und wenn wir dann schauen bei den Insekten, dann finden wir eigentlich Verwandte von all diesen Viren. Die Frage ist natürlich dann: Wie nahe verwandt sind die? Das steht auf einem anderen Blatt. Und zusätzlich zu diesen Verwandten finden wir auch neue, nicht verwandte Viren, die also nicht in Säugetieren vorkommen, nur in Insekten. Es gibt einige vorher bekannte Virusbefunde, die kommen dann beispielsweise in Würmern vor, in Schnecken, also in Nicht-Vertebraten, wie wir sagen. Die ordnen sich da auch so wie ein buntes Bild ein. Das ist also inzwischen ein sehr komplexer Stammbaum geworden. Aber unsere Daten haben diesen Stammbaum in extremer Art und Weise jetzt belebt mit Blättern. Also man kann sich das vorstellen wirklich wie so ein abgestorbener Baum im Winter, der auf einmal ganz viele neue Triebe und grüne Blätter bekommt nach dieser Studie.

Seltmann: Hatten Sie das erwartet, dass es so viele verschiedene Viren gibt? waren Sie überrascht von der Fülle der verschiedenen Arten?

Drosten: Wir haben schon erwartet, dass wir sehr viele neue Viren finden. Denn ist es einfach so, dass wir ja auch sehr viele mögliche Wirtsarten untersucht haben, die zuvor noch nie auf Viren getestet worden sind. Und da kann man sich fast darauf verlassen, dass man da etwas Neues findet. Die große Diversität hat mich schon erstaunt. Was mich noch mehr erstaunt, ist die sehr systematische Ordnung, die man erkennen kann, die Muster, die man jetzt sieht. Es ist im Großen und Ganzen eben schon so, dass die Viren der Säugetiere sehr miteinander verwandt sind und nicht so stark mit den Insektenviren. Also die sind sehr schön abgegrenzt von den Insektenviren. Und offenbar hat sich vor sehr langer Zeit der Weg dieser Viren evolutionsbiologisch getrennt. Wir können also jetzt so als vielleicht Zwischenschlussfolgerung dieser Studie sagen: Es ist gar nicht so, dass ständig Viren von Insekten auf Wirbeltiere übergehen, sondern das sind ganz lange evolutionsbiologische Zeiträume, in denen sowas mal passieren kann.

Seltmann: Was macht denn jetzt ein gefährliches Virus aus? Kann man das schon anhand seines Erbgutes erkennen?

Drosten: Das ist eine ganz andere Arbeitslinie, die wir auch verfolgen. Es ist nicht so leicht, das bei den Insektenviren zu tun. Wir haben da in einigen Virusgruppen durchaus Anhaltspunkte dafür. Man kann als Beispiel in den Bunyaviren sagen, da kennen wir Viren, die sind gefährlich für Säugetiere, auch zum Teil für den Menschen. Und die haben jeweils bestimmte Proteine in ihrem Erbgut, die etwas gegen das Säugetier-Interferon-System unternehmen. Das ist also eine ganz wichtige Komponente unseres angeborenen Immunsystems. Und die Insekten haben so ein Interferonsystem nicht. Das heißt, das Vorhandensein solcher Immuninterferenzgene ist durchaus ein Kriterium, das man setzen kann für eine Gefährlichkeit für jetzt mal weiteren Sinne gesagt für Säugetiere. Bei anderen Fragen ist das nicht so einfach. Wenn wir zum Beispiel jetzt an den Anfang unseres Gesprächs zurückkommen: Alle fragen sich momentan, dieses neue Virus in China ist ganz eng mit dem Sars-Erreger verwandt. Wie gesagt, einige würden sagen, das ist ein Sars-Erreger, nur ein anderer Typ. Was können wir aber jetzt am Genom sehen? Und da ist es jetzt schon so, dass selbst bei einer sehr guten Kenntnis der Gene des Sars-Virus doch so eine Genomsequenz immer noch voller Rätsel steckt. Wir können einige Dinge sagen. Wir können zum Beispiel sagen, das Rezeptorprotein, mit dem das Virus in die Zelle rein muss, das hat auf Sequenzebene vergleichsweise wenig Ähnlichkeit mit dem Sars-Virus. Auf Strukturebene ist dann aber doch wieder sehr ähnlich. Was heißt das? Das heißt erst mal, dass wir hier eine Wissenschaftsfrage haben, nämlich ob derselbe Rezeptor jetzt benutzt wird von diesem neuen Virus. Und das wird sich innerhalb der nächsten Wochen bis ich würde mal sagen ein, zwei Monate geklärt haben.

Seltmann: Haben Sie Proben von diesem Virus hier im Institut?

Drosten: Es hat im Moment kein Labor außerhalb von China Proben. Wir haben aber Genomsequenzen und können auf dieser Basis relativ viel schon tun.

Seltmann: Noch mal zurück zu den Insektenviren. Was bedeutet das denn jetzt für uns, dass es so viele Viren gibt? Müssen wir uns in Acht nehmen? Werden jetzt Tausende von Impfstoffen entwickelt? Soll man neue Insektizide oder Desinfektionsmittel entwickeln und benutzen? Oder sind Sie am Ende froh über das Insektensterben?

Drosten: Es gibt ganz viele verschiedene Aspekte von so einer Frage. Was sicherlich richtig ist, ist, dass Epidemieforscher weltweit natürlich davon träumen, ein Virus noch im Reservoir zu erkennen und dann schon im Vorgriff einen Impfstoff darauf zu machen. Das ist relativ schwierig. Es gibt hier und da ein Präzedenzbeispiel, beispielsweise der Ebola-Impfstoff. Da muss man schon sagen, man hat zwar gewusst, dass dieses Ebola-Virus vorkommt im Menschen und Ausbrüche machen kann, aber die Entscheidung irgendwann vor 20 Jahren, anzufangen, einen Ebola-Impfstoff zu machen, die basierte auch natürlich auf dem Eindruck, dass man wusste, es gibt Tierreservoire, aus denen dieses Virus immer wieder herauskommen kann. Und das hat dann viel genützt. In der großen Epidemie in Westafrika im Jahr 2014/15, da hatte man dann sehr viel Vorarbeit geleistet für einen Ebola-Impfstoff. Und es gibt jetzt Überlegungen, das auch für andere Viren zu machen. Es gibt beispielsweise jetzt schon Überlegungen, das für dieses neue Virus aus China zu machen. Aber dass man jetzt Reservoire anschaut und sagt, wir sortieren mal, was da an Viren drin vorkommt, und wir machen jetzt einfach mal Impfstoffe, obwohl wir noch nie einen Fall hatten von menschlicher Infektion, da sind wir noch nicht. Ein anderes interessantes Arbeitsbeispiel ist natürlich die Überlegung, um jetzt mal ein Gegenbeispiel zum Insektensterben auch zu liefern: Wir haben Insekten in zunehmendem Maße von Interesse als Nahrungsquelle für eine wachsende Menschheit. Wir müssen darüber nachdenken, den Proteinbedarf der wachsenden Menschheit weniger über die Zucht von Wirbeltieren, Säugetieren, also Massen-Schweinehaltung und ähnlichen Dingen, abzudecken und eben an Insekten als Proteinquelle zu denken. Und das ist ... da entsteht jetzt gerade eine ganze Industrie. Und diese Nahrungsinsekten, da gibt es Kandidaten, Arten, die gezüchtet werden können, die gut gezüchtet werden können, die proteinreich sind usw., wo es schon Kochrezepte dafür gibt. Wir fangen gerade erst jetzt an zu verstehen, dass die natürlich auch voller Viren sind. Und die Frage ist natürlich, was sind das genau für Viren. Können diese Viren, die diese Insekten haben, für den Menschen gefährlich werden? Das ist sicher ein ganz wichtiges Forschungsfeld für die Zukunft.

Seltmann: Die Insekten, die mit den Viren infiziert sind, werden die auch krank? Leiden die da drunter?

Drosten: Das ist eine interessante Frage. Wir wissen darüber gar nichts. Wir wissen nicht, ob Viruserkrankungen Insekten töten. Wir wissen nicht, ob es Massenabsterben durch Viren gibt. Also es gibt natürlich so etwas wie Virusausbrüche. Aber bei den Insekten, die wir hier untersuchen, bei den Viren, die wir finden, haben wir dafür im Moment keine Evidenz.

Seltmann: Spielt auch der Klimawandel in dem Sinne eine Rolle, dass es bei uns doch immer wärmer wird und damit auch mehr Insektenarten bei uns auftauchen, die es vorher so nicht gab, und damit möglicherweise auch neue Viren?

Drosten: Ja, der Klimawandel hat sicherlich ganz viele Implikationen auf Infektionskrankheiten. Und die Veränderung der Verteilung von krankheitsübertragenen Insekten ist sicherlich eine der direktesten Auswirkungen. Wir wissen ja ziemlich gut, dass die Minimumtemperatur, die über das ganze Jahr erreicht wird, entscheidend ist beispielsweise dafür, ob bestimmte Moskitoeier unseren Winter überstehen können oder nicht. Das ist der Grund, warum bestimmte Moskitoarten nur südlich der Alpen vorkommen und nicht nördlich der Alpen, weil nördlich der Alpen eben die Minimumtemperaturen im Winter deutlich geringer sind. Und das scheint sich ja momentan, ich muss das auch in einer Laienperspektive sagen, zu verändern. Ich weiß nicht, wie Klimaforscher das bewerten würden, so eine Aussage, aber ich glaube, es gibt inzwischen Daten dazu. Und da schauen wir natürlich als Infektionsforscher schon mit Besorgnis hin. Es gibt ja schon erste Befunde von bestimmten Moskitoarten in Deutschland, die man früher hier in Deutschland nicht gefunden hat. Das ist sicherlich auch einiges an Suchinteresse dabei. Also man hat vielleicht in den vergangenen zehn Jahren erst angefangen, systematisch nach solchen selteneren Moskitoarten zu suchen, sodass man im Moment nicht ganz genau sagen kann, ob das jetzt ein Klimawandeleffekt ist oder ob man einfach besser nachgesucht hat. Aber auf lange Sicht wird sich sicherlich die Verteilung von solchen übertragenden Insekten verändern.

Seltmann: Wie geht es denn jetzt für Sie weiter? Suchen Sie weiter nach neuen Viren auch in anderen Tieren? Oder isolieren Sie jetzt diese Gensequenzen und untersuchen Sie tatsächlich die Virenpartikel?

Drosten: Wir haben natürlich mehrere Arbeitsgruppen hier im Institut, die sich mit solchen Fragen befassen. Bei den Insektenviren ist das so, dass wir eine Arbeitsgruppe im Institut haben, die ausschließlich sich um ökologische Verteilung von virusübertragenden Insekten kümmert und der Frage, wie entstehen eigentlich Arboviruserkrankungen, wenn man beispielsweise Landnutzung betreibt, wenn man Regenwald stört, da reingeht und dann exponiert wird zu krankheitsübertragenden Moskitos. Dann haben wir eine andere Arbeitsgruppe, die beschäftigt sich ausschließlich mit der Epidemiologie solcher Arboviruserkrankungen, also der Frage beispielsweise, was kommt nach Zika in Südamerika. Das Zika-Virus ist nicht ganz verschwunden, es ist weitgehend verschwunden. Man hat aber jetzt viele Forschungsdaten generiert, und man sieht plötzlich, da sind auch noch andere moskitoübertragene Viren, wo man nicht gut hingeschaut hat. Und dann haben wir eben diesen Arbeitsbereich, aus dem auch diese jetzt systematische Studie kommt. Das fokussiert sich um eine neue Labortechnik des Deep Sequencing. Da sind wir sehr aktiv. Wir haben genau genommen zwei Arbeitsgruppen, die das als ihre Kerntechnik jetzt haben. Und da sind Studien unterwegs. Sie sehen hier bei mir zum Beispiel auf dem Schrank, ich hole das mal gerade ... so eine Dose. Da ist etwas drin, was man jetzt erst mal so vielleicht ein bisschen ekelhaft finden mag. Das sind Bohnen, und da drin sind kleine Käferchen, Bohnenkäfer. Wir haben gerade angefangen, die auf Viren zu untersuchen, weil wir aus unserer Studie wissen, da drin kommen interessante Insektenviren vor. Und jetzt wollen wir mal wissen, wie sich so ein Virus in so einer Gruppe von Insekten verbreiten kann.

Seltmann: Das sind Bohnen, die auch bei uns gegessen werden?

Drosten: Na ja, also ich kann Ihnen nicht genau sagen, woher diese Bohnen hier jetzt stammen. Das ist letztendlich ein Zuchtansatz für Bohnenkäfer.

Seltmann: Sie haben schon gesagt, man weiß ja gar nicht, ob diese Viren, die sich in Insekten verstecken, möglicherweise für den Menschen gefährlich werden könnten, wenn man in größerem Maße Insekten als Nahrungsquelle benutzt. Wie ist das denn heute schon? Auch in Rindern und Schweinen verbergen sich vermutlich viele Viren, die wir unbemerkt zu uns nehmen, wenn wir das Fleisch essen. Vermuten Sie, dass möglicherweise einige Krankheiten, denen man heute vielleicht noch gar nicht so recht eine Ursache zuordnen kann, möglicherweise durch Virusinfektionen ausgelöst werden?

Drosten: Also gibt bekannte Virusinfektion, die bei unseren Nutztieren vorkommen. Die meisten davon gehen nicht auf den Menschen über. Das ist schon mal gut zu wissen. Und natürlich haben wir durchaus so etwas wie Veterinärhygiene, Veterinärmedizin, wo so etwas auch überwacht wird. Es gibt Ideen zu anderen Themen. Es gibt beispielsweise die Idee, dass bestimmte Viren aus Fleisch in Verbindung stehen könnten mit bestimmten Krebsformen. Ich bin da sehr skeptisch, ob das so ist, sehe da im Moment noch nicht so die Evidenz. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich damit nicht so ganz genau beschäftige. Und unser Ansatz ist durchaus, dass wir glauben, dass der Mensch unbekannte Viren hat, die wir bis jetzt noch nicht gefunden haben. Wir gehen dieses Thema nur von einer anderen Seite an. Was wir eher machen, ist: Wir haben ja hier einen sehr, sehr großen Diagnostikbetrieb, Labor Berlin, sicherlich der größte Universitätsdiagnostikbetrieb in Europa. Und wir sehen hier natürlich immer wieder Fälle von unklaren Infektionen bei Patienten. Also Patienten, die zum Teil mit dramatischen Verläufen in kurzer Zeit sehr schwer erkranken. Und der Pathologe und der Kliniker sagen, das sieht alles aus wie eine Virusinfektion. Und dann schicken sie uns eine Probe ins Labor, und wir können nichts nachweisen. Das ist leider Alltag in der Virusdiagnostik. Und wir haben beispielsweise jetzt eine relativ große Forschungslinie, die sich damit beschäftigt, erst mal die Technik dafür zu etablieren, sodass sie routinefähig ist, und die dann auch anzuwenden in unklaren Fällen. Sodass wir den Klinikern vor allem hier in der Charité anbieten können, wenn die Diagnostik am Ende ist, dass wir eben doch noch mal mit allermodernsten Methoden dieser systematischen Forschung, also mit Deep-Sequencing-Methoden nachschauen können, ob es nicht auch ungewöhnliche und neue Sequenzen gibt in diesen Proben, die da nicht dahin gehören in Menschenproben und die vielleicht mit einem Virus in Zusammenhang stehen, das wir noch gar nicht kennen. wir suchen hier schon jetzt jede Woche in mehreren Patientenfällen nach Erklärungsmöglichkeiten für sehr ungewöhnliche Viruserkrankungen, ungewöhnliche Infektionskrankheitsbilder.

Seltmann: Sie haben von Hunderten von Insekten das sogenannte Transkriptom untersucht, also die Abschrift des Erbguts nach möglicherweise vorhandenen Viruserbgutstücken. Was würden Sie denn prophezeien, wenn man das Gleiche beim Menschen machen würde? Würde man da auch viele unentdeckte Viruserbgutbausteine finden?

Drosten: Was ich von Kollegen höre, die das bereits gemacht haben, ist, dass man durchaus Viren findet, aber wenig überraschende Viren. Das mag jetzt daran liegen, dass man natürlich in solchen Studien häufig gesunde Personen untersucht oder Personen, die zumindest nicht akut an einer Infektionskrankheit leiden. Da ist also sicherlich die Auswahl der Patientengruppe ganz wichtig. Wir sind aber jetzt auch dabei, Gespräche zu führen hier in Berlin, wir sind ja mit unserer Arbeitsgruppe noch nicht lange in Berlin, wir sind ja neu hierhergekommen, um das in größerem Ausmaß auch systematisch zu machen.

Seltmann: Haben Sie Angst jetzt so ein bisschen, nachdem Sie diese großen Funde machen? Was persönlich empfinden Sie dabei, wenn Sie dieses riesige Reservoir an Viren entdecken?

Drosten: Ich habe davor gar keine Angst. Also ich glaube, dass Viren einfach zur Biologie und zur Natur dazugehören. Wir sehen gerade anhand unserer Daten jetzt auch bei den Insekten, dass die Viren sich doch sehr an ihren Wirt halten. Also das, wovor man ja eigentlich immer Angst hat, sind solche Übergänge von neuen Viren zum Menschen. Ich schaue ein bisschen mit Sorge im Moment nach China, muss ich zugeben, weil eben jetzt gerade in diesen Tagen doch Hinweise kommen, dass dieses Virus vielleicht schon in der Bevölkerung zirkuliert. Und da ist natürlich immer eine Überlegung dabei, was passiert eigentlich, wenn so ein über die Atemwege übertragbares Virus dann sehr schnell übertragbar ist und als Pandemie auftaucht. Das sind dann aber nicht unbedingt so Ängste, dass man denkt: Ach, was passiert denn jetzt mit mir und meiner Familie, und werden wir jetzt alle krank werden? Sondern das sind eher generelle Effekte, die man da befürchten muss. Beispielsweise auch bei einer milden Influenza-Pandemie zum Beispiel ist es eben so, dass das Medizinsystem in Schwierigkeiten gerät. Wir haben ja dann, auch wenn es im Durchschnitt eine sehr milde Erkrankung ist, immer Patienten, die auch schwer daran erkranken. Die sind dann auf der Intensivstation, müssen beatmet werden. Das blockiert dann wieder die Kapazität beispielsweise für Operationen im Krankenhaus. Das sind also sekundäre Effekte von Pandemien, die man erst mal so vergisst, wenn man für sich selber darüber nachdenkt, die aber eigentlich viel wichtiger sind.

Seltmann: Würden Sie noch nach China reisen?

Drosten: Ich würde nichts lieber tun, als im Moment nach China zu reisen, und zwar genau da, wo dieses Virus jetzt vielleicht umgeht, um das zu beforschen. Aber die chinesischen Kollegen machen das leider alles selber.

Seltmann: Vielen Dank.

Drosten: Ja, gerne. 

Und das war der BIH-Podcast „Aus Forschung wird Gesundheit“ aus dem Berlin Institute of Health. BIH-Professorin Silvia Thun erklärte, wie es dazu kommen kann, dass künstliche Intelligenz Frauen benachteiligt. Falls auch Sie eine Frage zu Gesundheit oder zur Gesundheitsforschung haben, schicken Sie sie gerne an podcast@bihealth.de. Tschüss und bis zum nächsten Mal sagt Stefanie Seltmann.