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Chancengleichheit und Zugang marginalisierter Gruppen zur HIV-Behandlungs- und Heilungsforschung – Förderung der Beteiligung marginalisierter Gruppen an der HIV-Heilungsforschung  

Einleitung

Die Inklusion marginalisierter Gruppen in die klinische Forschung ist unerlässlich – nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch, um sinnvolle Fortschritte in der HIV-Heilungsforschung zu ermöglichen. Wahre Fortschritte in diesem Bereich hängen von einer vielfältigen Repräsentation ab.

Der Begriff “marginalisierte Gruppen” variiert je nach Region, bezieht sich jedoch im Allgemeinen auf Bevölkerungsgruppen, die aufgrund sich überschneidender sozialer, wirtschaftlicher und systemischer Ungleichheiten überproportional von HIV betroffen sind. Dazu gehören ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, intravenös Drogen konsumierende Personen, Sexarbeiter*innen, transgeschlechtliche Personen, Frauen und in einigen Kontexten Männer, die Sex mit Männern haben (MSM).

Dieses Projekt konzentriert sich besonders auf trans- und nicht-binäre (TNB) Gemeinschaften. Laut dem TGEU (Trans Europe and Central Asia) Transgender Europe Bericht 2025 überwiegen Rückschritte bei den Rechten von Transpersonen in Europa und Zentralasien erstmals seit 13 Jahren die Fortschritte. Weltweit untergraben zunehmende transphobe und restriktive Politiken transgeschlechtliche Identitäten und schränken den Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung ein. TNB-Gemeinschaften sehen sich häufig mit sich überschneidenden Formen der Marginalisierung und systemischen Hürden konfrontiert, darunter Kriminalisierung, eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung, instabile Wohnverhältnisse und Bedrohungen der persönlichen Sicherheit. Diese Herausforderungen werden durch Diskriminierung und Gewalt weiter verstärkt.

Diese Community ist überproportional stark von HIV betroffen. Insbesondere haben Transgender-Frauen ein 49-mal höheres Risiko, mit HIV zu leben, als die Allgemeinbevölkerung. Ihr geschätztes Risiko für Neuinfektionen ist 20-mal höher. Trotz dieser alarmierenden Zahlen sind sie mit einigen der schlechtesten Gesundheitsergebnissen konfrontiert und in der Forschung weiterhin signifikant unterrepräsentiert. Bis heute haben weltweit nur 53 transgeschlechtliche Personen in Studien zur HIV-Heilung teilgenommen.

Problemstellung und aktueller Stand der Forschung

Dieses Projekt zielt darauf ab: 

  • Den aktuellen Stand der Partizipation marginalisierter Gemeinschaften in die HIV-Heilungsforschung zu verstehen. 

  • Hürden, Motivationen und bestehende Maßnahmen zur Förderung von Inklusion zu identifizieren. 

  • Diese Erkenntnisse zusammenzufassen, um ein standardisiertes Verfahren zu entwickeln, das Interesse, aktive Beteiligung und Teilnahme von TNB-Personen in HIV-Heilungs- und Behandlungsforschung verbessert. 

  • Die Rolle von Bildung und Wissenschaftskommunikation bei der Förderung des Interesses an Studien und der Teilnahme zu untersuchen. 

Langfristiges Ziel ist der Aufbau einer inklusiven Infrastruktur sowohl für die aktive Beteiligung bei der Entwicklung von Forschungsfragen, dem Design und der Bewertung von Studien, als auch für die Teilnahme an Studien, die später auf andere marginalisierte Bevölkerungsgruppen übertragbar ist. 

Projektbeschreibung

Ziel 1 – Co-Entwicklung und Umsetzung von Bewertungsinstrumenten 

  • Tool zur Community-Erfassung: Gemeinsam werden Instrumente entwickelt und implementiert, um die Bedürfnisse, Erfahrungen und Bereitschaft von TNB-Personen zur Teilnahme an HIV-Forschung zu erfassen. Dabei werden sozioökonomische Faktoren wie Zufriedenheit mit der Versorgung, Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung sowie syndemische Bedingungen, die den Zugang zur Gesundheitsversorgung und die Teilnahme in der Forschung beeinflussen, berücksichtigt.
  • Erstellungsprozess: Die Entwicklung des Tools erfolgt auf Grundlage qualitativer Fokusgruppen und Interviews mit Community-Mitgliedern und Organisationen in Europa und Lateinamerika. Diese Gespräche beleuchten zentrale Hürden und strukturelle Determinanten. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in das Design eines kontextsensitiven Fragebogens ein, der darauf abzielt, die Bedürfnisse und Prioritäten der Community sowie verhaltens- und umweltbezogenen Faktoren zu erfassen, die die Teilnahme beeinflussen.
  • Vorläufige Ergebnisse: Initiale Erkenntnisse beleuchten einige Beteiligungsbarrieren – darunter fehlende Repräsentation von TNB-Personen in Forschungsteams, Misstrauen gegenüber Institutionen durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit, begrenztes Bewusstsein über HIV-Heilungsforschung und konkurrierende Lebensprioritäten wie finanzielles Überleben. Zudem zeigen die Ergebnisse unerfüllte biomedizinische Bedürfnisse und soziale Determinanten, die sich auf die Bereitschaft zur Teilnahme an Forschung auswirken.
  • Nächste Schritte: Auf Grundlage der Fragebogendaten wird das Projekt das Konzept des Intervention Mappings nutzen, um ein inklusives Logikmodell sowie einen Beteiligungsrahmen zu entwickeln. Dieses Modell soll die Beteiligung an Forschung stärken, indem es bestehende Barrieren abbaut, gesundheitliche Chancengleichheit fördert und die Stimmen, Erfahrungen sowie die Führung von TNB-Personen konsequent in den Mittelpunkt stellt.
  • Internationale Implementierung: Das Tool wird u. a. in Paris, Buenos Aires sowie in weiteren europäischen Regionen und in Zentralasien in Zusammenarbeit mit TGEU pilotiert, um seine globale Übertragbarkeit und Relevanz sicherzustellen.
  • Fragebogen für Forschungsteams: Ein ergänzender Fragebogen wird weltweit für HIV-Heilungsforschende entwickelt, um deren Strategien zur Identifizierung, Ansprache und Zusammenarbeit mit marginalisierten Gruppen systematisch zu erfassen und auszuwerten. Der Fragebogen wird Motivationen, Herausforderungen und effektive Strategien untersuchen, die zu einem praxisorientierten Rahmen für eine inklusivere Forschung beitragen. 

Ziel 2 – Entwicklung und Evaluation partizipativer HIV-Erklärungsvideos und eines KI-gestützten Chatbots 

  • Wissenschaftskommunikation: Entwicklung zugänglicher, Community-informierter Medien zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz und der Teilnahme an HIV-Heilungs- und Behandlungsforschung.
  • Feedback-Runden: Durchführung iterativer Tests und Feedbackrunden, um die Klarheit, Relevanz und kulturelle Sensibilität dieser Materialien für internationale Zielgruppen zu sichern. 

Ziel 3 – Durchführung von Exit-Interviews 

  • Feedback von Teilnehmenden: Durchführung von Exit-Interviews mit Studienteilnehmenden in laufenden klinischen Studien, wie z. B. in KOHIVI, einer longitudinale Beobachtungsstudie, die die Auswirkungen einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie (GAHT) auf die Persistenz von HIV und die Immunantwort untersucht.
  • Verbesserung der Forschungspraxis: Anwendung der Erkenntnisse aus den Interviews, um Studiendesign, Erfahrungen als Teilnehmende und Vertrauen der Community zu verbessern. 

Implementierung und Impact

Die im Rahmen von I-COUNT entwickelten Strategien werden an unserem Forschungszentrum in Berlin umgesetzt, um laufende und zukünftige Studien zu verbessern. Ergebnisse und Best Practices werden mit Forschungsgruppen weltweit geteilt, um eine inklusivere, ethischere und effektivere HIV-Heilungsforschung voranzubringen. 

Über das Gaebler Lab

Über das Gaebler Lab

Über das Gaebler Lab

Unsere Forschungsgruppe gründet derzeit BeCURE – Berlin Center for HIV Cure – mit den Zielen, einen Community-Beirat einzubinden und regelmäßige Community-Events zu veranstalten. Bisherige Veranstaltungen umfassen u. a. Podiumsdiskussionen mit der Berliner Aids-Hilfe zur Heilungsforschung, ein Panel im Village zum Thema Einsamkeit unter Menschen mit HIV, eine Benefizveranstaltung zum Welt-AIDS-Tag zugunsten von TransSexworks im Movimento, der Trans Day of Remembrance am BIH und an der Charité sowie Vorträge bei AK AIDS und Checkpoint BLN – Nachtcafé. 

Wir sind stolz, Teil des Fast-Track Cities Network Berlin zu sein und setzen uns für Prävention, Testung, partizipative Entscheidungsfindung und den Abbau von Stigmatisierung ein und tragen dazu bei, die UNAIDS-Ziele zu erreichen. 

Weitere Informationen finden Sie hier

Kontakt

Tomer Einav

Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin | Charité - Universitätsmedizin Berlin

Kontaktinformationen
E-Mail:tomer.einav[at]charite.de