BALANCE-ET - Endokrine Therapie im Gleichgewicht: Individualisierte Verbesserung der Lebensqualität von Brustkrebsüberlebenden

Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens – meist an sogenanntem hormonrezeptor-positivem – Brustkrebs. Für viele beginnt nach der Akuttherapie ein langer Weg mit körperlichen und seelischen Belastungen. Endokrine Therapien retten Leben, greifen jedoch tief in den Hormonhaushalt ein und beeinträchtigen häufig die Lebensqualität. Gleichzeitig lebt in Deutschland eine stetig wachsende Zahl von Langzeitüberlebenden mit der Sorge vor einem Rückfall. Wie können Therapien individueller, vorausschauender und verträglicher gestaltet werden? Hier setzt das vom BMFTR geförderte Forschungskonsortium BALANCE-ET an. Dr. Saskia Trump vertritt darin das Berlin Institute of Health. Wir haben mit ihr über das Projekt und seine konkreten Ziele gesprochen.
BALANCE-ET hat das Ziel, langfristige gesundheitliche Folgen nach überstandener Brustkrebserkrankung systematisch zu erforschen. Welche bislang unterschätzten Risiken stehen dabei im Fokus – und warum braucht es dafür einen interdisziplinären Ansatz?
Dank moderner Therapien überleben heute die meisten Patientinnen mit hormonrezeptor-positivem Brustkrebs. Für viele ist die Behandlung jedoch mit der Tumorentfernung nicht abgeschlossen: Sie erhalten häufig über Jahre eine endokrine Therapie, um das Rückfallrisiko zu senken. Diese hochwirksamen Behandlungen können jedoch langfristige Nebenwirkungen verursachen und die Lebensqualität spürbar beeinträchtigen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen effektivem Rückfallschutz und den Belastungen durch therapiebedingte Nebenwirkungen zu finden – genau hierzu möchte BALANCE-ET beitragen.
Wir untersuchen, welche molekularen Mechanismen hinter diesen Langzeitfolgen stehen und wie sie mit dem individuellen Rückfallrisiko zusammenhängen. Ziel ist es, Therapien künftig präziser an den Risiken und Bedürfnissen der einzelnen Patientin auszurichten und unnötige Belastungen möglichst zu vermeiden.
Das erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen: Erst das Zusammenspiel von klinischer Forschung, Molekularbiologie, Epidemiologie und künstlicher Intelligenz erlaubt es, komplexe Langzeitverläufe zu verstehen und personalisierte Strategien für die Versorgung von Brustkrebsüberlebenden zu entwickeln.
Im Projekt werden molekulare Signaturen aus Flüssigbiopsien mit klinischen Verlaufsdaten und Patient Related Outcomes (PROs) über lange Zeiträume verknüpft. Wie hilft dieser Ansatz dabei, Rückfallrisiken und therapiebedingte Langzeitfolgen besser vorherzusagen und das Überleben von Brustkrebspatientinnen zu verbessern?
Flüssigbiopsien ermöglichen es uns, molekulare Veränderungen minimal-invasiv und wiederholt über lange Zeiträume zu erfassen. In BALANCE-ET kombinieren wir diese Informationen mit detaillierten klinischen Verlaufsdaten sowie Patient-Reported Outcomes - das sind aus Sicht der Patientinnen berichtete Ergebnisse - zur Lebensqualität.
Der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, biologische Prozesse erstmals direkt mit dem tatsächlichen Erleben der Patientinnen zu verknüpfen. So können wir besser verstehen, warum manche Frauen eine Therapie gut vertragen, während andere stärker belastet sind.
Mithilfe moderner datengetriebener Verfahren wie maschinellem Lernen wollen wir präziser vorhersagen, welche Patientinnen ein erhöhtes Rückfallrisiko haben und wer besonders anfällig für Langzeitnebenwirkungen ist. Damit schaffen wir die Grundlage für fundiertere Therapieentscheidungen.
Unser Ziel ist eine Nachsorge, die nicht nach dem Prinzip „eine Therapie für alle“ funktioniert, sondern individuelle Risiken berücksichtigt und gleichzeitig unnötige therapeutische Belastungen reduziert. So lassen sich Behandlungserfolge langfristig sichern und gleichzeitig die Lebensqualität gezielt schützen.
Ein zentrales Anliegen von BALANCE-ET ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete, patientenzentrierte Strategien zu übersetzen. Wie stellen Sie sicher, dass Biomarker, Vorhersagemodelle und Therapieansätze tatsächlich zu einer nachhaltig besseren Lebensqualität für Brustkrebs-Überlebende beitragen?
Ein zentraler Erfolgsfaktor von BALANCE-ET ist die konsequente Einbindung der Perspektive von Brustkrebsüberlebenden. Sie sind von Beginn an der Entwicklung der Forschungsfragen beteiligt, bringen ihre Erfahrungen nach der Erkrankung ebenso ein wie ihre fachliche Expertise – etwa aus Psychoonkologie, Kommunikation und Wissenschaft – und gestalten das Projekt aktiv mit.
Brustkrebsüberlebende sind für uns nicht nur Studienteilnehmerinnen, sondern ausgewiesene Partnerinnen in der Forschung. So stellen wir sicher, dass sowohl unsere wissenschaftlichen Analysen als auch die daraus entwickelten Strategien konsequent an den Bedürfnissen von Brustkrebsüberlebenden ausgerichtet sind.
Entscheidend für uns: Forschungsergebnisse sollen nicht im Publikationssystem verbleiben, sondern spürbare Verbesserungen für Langzeitüberlebende nach Brustkrebs ermöglichen – mit Therapien, die das Rückfallrisiko wirksam senken und zugleich ein gutes Leben nach Krebs unterstützen.
Über Balance-ET
BALANCE-ET – Endokrine Therapie im Gleichgewicht: Individualisierte Verbesserung der Lebensqualität von Brustkrebsüberlebenden. Die Projektkoordination von BALANCE-ET liegt beim Uniklinikum Essen, federführend geleitet von Prof. Kathrin Thedieck. Als Projektpartner sind die Standorte Augsburg (Prof. Andreas Raue, Universität Augsburg), Heidelberg (Prof. Christiane Opitz, Dr. Cindy Körner, Deutsches Krebsforschungszentrum), Berlin (Dr. Saskia Trump, Berlin Institute of Health in der Charité), Dresden (Prof. Jan Dominik Kuhlmann, Uniklinikum Dresden) sowie die Medizinische Universität Innsbruck (MUI, Prof. Daniel Egle, Dr. Heidelinde Fiegl) als assoziierte Partnerin beteiligt.