Welches konkrete Problem in der Vorsorge für Prostatakrebs haben Sie mit ihrem Forschungsprojekt zu lösen versucht?

Dr. Charlie Alexander Hamm

In der Frage steckt bereits ein Teil des Problems. Was im Alltag als „Vorsorge" bezeichnet wird, umfasst zwei verschiedene Dinge: die Prävention, also das Verhindern einer Erkrankung, und die Früherkennung. Beim Prostatakrebs gibt es nach aktuellem Kenntnisstand, anders als bei vielen anderen Karzinomen, keine wirksamen Präventionsmaßnahmen. Prostatakrebsvorsorge kann sich daher aktuell ausschließlich auf eine effektive Früherkennung stützen.

Hier liegt das zentrale Problem. Zur Früherkennung von Prostatakrebs wird standardmäßig ein PSA-Test (Prostata-spezifisches Antigen im Serum) eingesetzt. Allerdings führt unstrukturiertes PSA-Testen, das sogenannte „graue Screening", häufig zu unnötigen Eingriffen und Therapien und kann damit auch medizinischen Schaden verursachen. Unser Ziel war es daher, einerseits zu untersuchen, ob es weitere klinische Biomarker gibt, die mit dem Langzeitrisiko für Prostatakrebs assoziiert sind, und andererseits, inwiefern ein PSA-Test im mittleren Lebensalter Rückschlüsse auf das langfristige Prostatakrebsrisiko zulassen kann.

Dr. Maximilian Lindholz

Wie, also mit welchem Ansatz und welchen Methoden, sind Sie bei der Untersuchung der Biomarker vorgegangen. Welche spezifischen Herausforderungen gab es dabei?

Als ich (Dr. Charlie Hamm) 2020 meine Assistenzarztzeit an der Universitätsmedizin Greifswald begann, lernte ich die Study of Health in Pomerania (SHIP) kennen, eine große bevölkerungsbasierte Studie in Mecklenburg-Vorpommern mit einem langen und strukturierten Follow-up. Inspiriert von diesem Studiendesign gelang es mir, eine Nachwuchsförderung für ein prostatabezogenes Projekt einzuwerben und nachfolgend die Daten von 2.651 Männern über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren im Team auszuwerten.

In die Analyse flossen Daten aus körperlichen Untersuchungen, Blutwerte sowie Bildinformationen aus Ganzkörper-MRT-Scans ein, mit besonderem Fokus auf den PSA-Wert und die PSA-Dichte. Man kann sich vorstellen, dass bei einem solchen Projekt tausende Datenpunkte zusammenkommen, die immer wieder Qualitätschecks und Plausibilitätsprüfungen erfordern, um am Ende eine belastbare Analyse zu ermöglichen. Besonders hervorzuheben ist aber, dass es sich um ein multidisziplinäres Projekt handelt, das von der engen Zusammenarbeit zwischen dem SHIP-Konsortium in Greifswald und unserer Arbeitsgruppe an der Charité in Berlin getragen wurde.

Was sind die Ergebnisse Ihrer Analyse?

Ein niedriger PSA-Wert unter 1,0 ng/mL im Alter von 45 bis 70 Jahren wurde bei rund 56% der Studienpopulation beobachtet und war mit einem sehr geringen 20-Jahres-Risiko für Prostatakrebs verbunden: nur 3,3 Prozent. Ein PSA-Grenzwert von unter 1,5 ng/mL, der aktuell auch in der deutschen S3-Leitlinie für das Prostatakarzinom empfohlen wird, fand sich sogar bei 75% der Männer und war ebenfalls mit einem sehr niedrigen 20-Jahres-Risiko von 4,9 Prozent verbunden. Andere untersuchte Marker, wie etwa der Body-Mass-Index, Blutfettwerte oder der Langzeitblutzucker, zeigten hingegen keine relevante Assoziation mit dem Auftreten von Prostatakrebs.

Welche Bedeutung haben Ihre Ergebnisse für Patient*innen und die künftige Krebsvorsorge? 

Unsere bevölkerungsbasierten Daten unterstützen einen Paradigmenwechsel in der Prostatakrebs-Früherkennung: weg vom bisherigen Ansatz, bei dem ein erhöhter PSA-Wert vor allem dazu dient, Männer für weitere Untersuchungen zu identifizieren, hin zu einem Ansatz, bei dem ein niedriger PSA-Wert gezielt dazu genutzt wird, Männer mit sehr geringem Risiko zuverlässig zu erkennen. Das sehr niedrige Langzeitrisiko bei einem niedrigen PSA-Wert im mittleren Lebensalter deutet darauf hin, dass bei diesen Männern verlängerte Screening-Intervalle vertretbar sind, ohne eine hohe Zahl an Prostatakarzinomen zu übersehen. Das könnte Ressourcen schonen, unnötige Diagnostik und Biopsien reduzieren und stärkt eine evidenzbasierte, risikoangepasste Früherkennung – im Einklang mit aktuellen europäischen Empfehlungen. Die besondere Stärke unserer Studie liegt dabei in der langjährigen Nachverfolgung und der Analyse einer unselektierten Allgemeinbevölkerung. Das ermöglicht besonders zuverlässige Erkenntnisse für eine solche zielgerichtete, risikobasierte Früherkennung.

Welche Schritte sind konkret noch nötig, um Ihre Erkenntnisse für die klinische Anwendung fruchtbar zu machen?

Die Studie liefert belastbare Daten für die norddeutsche Bevölkerung. Innerhalb Europas schwankt die Prostatakrebsinzidenz allerdings erheblich, sodass sich die Ergebnisse auf andere Regionen und Bevölkerungsgruppen nicht ohne Weiteres übertragen lassen. Unsere Ergebnisse müssen daher in weiteren unabhängigen Kohorten bestätigt werden. Außerdem braucht es prospektive Studien, die untersuchen, wie sich ein risikoangepasstes Screening konkret in organisierte Früherkennungsprogramme integrieren lässt und ob es dort den erwarteten Nutzen bringt. Schließlich müssten wir zeigen, dass dieser Ansatz nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch kosteneffizient ist. Das übergeordnete Ziel ist, unser angepasstes Screening strukturiert in die nationalen Früherkennungsstrategien einzubinden.

Originalpublikation

Lindholz M, Bülow R, Schoots IG, et al. Clinical and Liquid Biomarkers of 20-Year Prostate Cancer Risk in Men Aged 45 to 70 Years. JAMA Netw Open. 2026;9(2):e2556732. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.56732