Durch Digitalisierung im Gesundheitswesen die Effizienz in der Versorgung steigern

Digitalisierung kann die Gesundheitsversorgung grundlegend verändern: schnellere Abläufe, bessere Datenverfügbarkeit und mehr Zeit für Patient*innen. Doch trotz technischer Möglichkeiten existieren Hürden, die den Fortschritt bremsen. Wie kann die Digitalisierung so gestaltet werden, dass sie nicht nur eine technologische Spielerei bleibt, sondern echte Verbesserungen im Alltag von Ärzt*innen und Patient*innen bringt? Und welche Lehren lassen sich aus internationalen Vorbildern ziehen, um den digitalen Wandel hierzulande erfolgreich weiter voranzutreiben? Antworten gibt Prof. Sylvia Thun, Direktorin für Digitale Medizin und Interoperabilität am BIH in diesem Interview.
Was sind die größten Hürden bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens und wie überwinden wir sie?
Die zentralen Hürden liegen weniger in fehlender Technik, sondern vielmehr in fehlender Verbindlichkeit. Zuständigkeiten sind zersplittert, Standards häufig nur empfohlen, und wertvolle Informationen landen allzu oft in unstrukturierten PDFs. Um hier voranzukommen, brauchen wir klare Regeln: verpflichtende Standards, die dafür sorgen, dass unterschiedliche IT-Systeme im Gesundheitsbereich Daten einheitlich verstehen und austauschen können (wie z.B. durch HL7 FHIR, SNOMED CT, LOINC oder UCUM), verbindliche Konformitätstests vor der Anwendung im Markt sowie eine Governance, die Transparenz über Rollen und Verantwortlichkeiten schafft. Erst wenn Interoperabilität nicht mehr als freiwillige Option, sondern als Eintrittskarte in Beschaffung, Erstattung und Zulassung verstanden wird, wird die digitale Transformation wirksam.
Was funktioniert bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen bereits gut bzw. wo sind Fortschritte erkennbar?
Tatsächlich sehen wir in den letzten Jahren deutliche Fortschritte. Mit dem eRezept, der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, der sicheren Kommunikation im Gesundheitswesen (KIM) und ersten digitalen Arztbriefen beginnt eine neue Ära jenseits von Fax und Papier. Parallel entstehen an den Universitätskliniken durch die Medizininformatik-Initiative und das Netzwerk Universitätsmedizin FHIR-basierte Datenräume (FHIR steht für Fast Healthcare Interoperability Resources, ein offener Standard für den Austausch von Gesundheitsinformationen), die Versorgung und Forschung verknüpfen. Auch die elektronische Patientenakte und die digitale Identität entwickeln sich weiter und schaffen damit ein solides Fundament.
Welche internationalen Vorbilder gibt es - wohin lohnt sich ein Blick für Deutschland und was lässt sich möglicherweise übertragen?
Ein Blick nach Skandinavien oder die baltischen Staaten zeigt: nationale Mindestdienste wie elektronische Medikation, Impfstatus oder das Teilen von Bildern und Befunden lassen sich konsequent umsetzen, wenn Standards verbindlich sind. Projekte wie Estonia´s e-Health Records verdeutlichen, wie regionale Datenplattformen Versorgung nahtlos verbinden können. Übertragbar nach Deutschland sind insbesondere klare Terminologie- und Profilvorgaben, Interoperabilitätsklauseln bei der Beschaffung sowie patientenzentrierte Transparenzlösungen. Entscheidend ist der Mut, auch hierzulande Mindeststandards zu definieren und verbindlich einzufordern.
Wie kann Digitalisierung im Alltag für Ärzt*innen und Patient*innen spürbar entlasten?
Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss Zeit zurückgeben. Das gelingt, wenn Daten von Beginn an strukturiert erfasst und anschließend mehrfach genutzt werden können – ein Prinzip, das man mit „einmal dokumentiert, vielfach verwendet“ umschreiben kann. Ärzt*innen profitieren so von klinischen Entscheidungshilfen am Point-of-Care, die Medikationsinteraktionen oder Leitlinienhinweise automatisch einspielen und Doppeluntersuchungen vermeiden. Patient*innen erleben Entlastung durch digitale Aufklärung, elektronische Einwilligungen oder Remote Monitoring. Routineaufgaben wie Befund- oder Entlassmanagement lassen sich automatisieren. Und nicht zuletzt muss der Nutzen messbar sein – in gesparter Zeit, vermiedenen Wiederaufnahmen oder verbesserter Datenqualität.
Wie schaffen wir es, digitale Innovationen schneller in die Fläche bzw. in die Anwendung zu bringen und welchen Beitrag leistet das BIH dazu?
Deutschland hat kein Ideenproblem, sondern ein Skalierungsproblem. Damit Innovationen nicht in Pilotprojekten verharren, brauchen wir bundesweit akzeptierte FHIR-Referenzprofile mit Testfällen und Beispiel-Daten, Konformitätsnachweise als Voraussetzung für Vergabe und Zulassung sowie Open-Source-Referenzarchitekturen, die Kliniken unmittelbar einsetzen können. Ebenso wichtig sind Schulungs- und Umsetzungsprogramme für IT-Abteilungen und Industriepartner, flankiert durch eine Förderung, die sich am messbaren Outcome orientiert. Das Berlin Institute of Health (BIH) leistet hierzu einen entscheidenden Beitrag: Wir entwickeln FHIR-basierte Datenplattformen mit klaren Qualitätsindikatoren, pflegen Terminologie-Bindungen und Implementierungsleitfäden, die direkt in den Klinikalltag einfließen, und setzen mit Projekten wie „Senologie on FHIR“ in der Gynäkologie oder bei seltenen Erkrankungen Leuchttürme, die als Blaupausen dienen. Darüber hinaus fördern wir durch Interop-Sprechstunden, Test-Events und die Mitarbeit in internationalen Standardisierungsgremien die Übersetzung von Papierstandards in klinische Realität – immer mit dem Ziel, dass digitale Innovationen schnell und wirksam in der Versorgung ankommen.