Wenn neue Medikamente entwickelt werden, beginnt nach präklinischen Tests und Tierversuchen eine besonders kritische Phase: In sogenannten „First-in-Human“-Studien werden Prüfpräparate erstmals an gesunden Freiwilligen oder Patient*innen getestet. Diese frühen klinischen Studien werfen grundlegende ethische Fragen auf: Ist es vertretbar, Patient*innen oder gesunde Proband*innen Risiken auszusetzen, obwohl sie selbst keinen therapeutischen Nutzen haben? Wie zuverlässig ist die zugrundeliegende Evidenz aus Tierversuchen oder Zellkulturen? Und welches Maß an Risiko ist akzeptabel? 

Jonathan Kimmelman verbindet in seiner Arbeit philosophische Analyse mit empirischer Forschung, um genau solche Fragen zu untersuchen. Sein Fokus liegt auf den ethischen Herausforderungen der translationalen Forschung, also dem Prozess, Grundlagenforschung in medizinische Anwendungen zu überführen. Ein zentrales Konzept seiner Arbeit ist die „moral efficiency“: Medizinische Forschung sei demnach dann ethisch gerechtfertigt, wenn sie mit möglichst geringem Risiko und Aufwand für Versuchspersonen und Tiere möglichst verlässliches und nützliches Wissen hervorbringt. 

Seine Forschung zeigt, dass Studien zwar formal ethisch genehmigt sein können, dennoch aber moralisch ineffizient bleiben, etwa wenn sie schlecht konzipiert und koordiniert sind oder nicht alle relevanten Informationen öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Gerade in Krisenzeiten werde die Bedeutung moralischer Effizienz besonders deutlich, da eine Vielzahl schlecht geplanter Studien Ressourcen binde, Unsicherheiten erhöhe und medizinischen Fortschritt verzögern könne. 

Fachgebiet der Forschungsethik nachhaltig stärken 

Auch in seiner BIH Lecture im Frühjahr 2024 betonte Kimmelman, dass die Teilnahme an klinischen Studien insgesamt keinen direkten Nutzen für die Teilnehmenden mit sich bringe. Vielmehr würden die Risiken der Studienteilnahme durch den potenziellen gesellschaftlichen Wert der gewonnenen Erkenntnisse gerechtfertigt. Seine Forschung trägt dazu bei, klinische Studien so zu gestalten, dass sie sowohl wissenschaftlich robust als auch ethisch verantwortbar sind. 

Kimmelmans visionäre Forschung soll die Ethik und Effizienz biomedizinischer Forschung in Deutschland und Europa nachhaltig stärken und ihre konzeptionelle und methodische Weiterentwicklung vorantreiben. Am BIH QUEST Center for Responsible Research wird Kimmelman neue Impulse für die Qualität, Transparenz und Vertrauenswürdigkeit biomedizinischer Forschung setzen. 

Zur Person 

Jonathan Kimmelman ist Professor an der McGill University in Montreal, Kanada. Bevor er sich der Bioethik zuwandte, promovierte er an der Yale University (USA) in Molekularer Biophysik und Biochemie. Er ist Fellow der Royal Society of Canada und bekleidet seit 2018 eine James McGill Professur, mit der herausragende Forschende ausgezeichnet werden, die als internationale Vorreiter in ihren Disziplinen anerkannt sind. 2014 wurde er mit einem Bessel-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung ausgezeichnet.

Konstanze Pflüger

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