„Vertrauen entsteht, wenn wir mit jungen Menschen in den direkten Austausch gehen“

Im Rahmen des von der Stiftung Charité geförderten science x media Tandems „Forschung in echt – Austausch macht Schule“ hat Professorin Il-Kang Na vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) gemeinsam mit den Filmemacherinnen Kerstin Hoppenhaus und Sibylle Grunze neue Wege erprobt, Wissenschaft für Jugendliche greifbar zu machen. Im Mittelpunkt standen persönliche Begegnungen mit Schüler*innen und Gespräche über die HPV-Impfung, wissenschaftliche Erkenntnisse und den Umgang mit Falschinformationen. Im Interview berichtet Il-Kang Na, was sie aus dem Austausch gelernt hat und warum es wichtig ist, jungen Menschen zuzuhören und ihre Fragen ernst zu nehmen.
1. Wie gewinnt man das Vertrauen junger Menschen in die Wissenschaft?
Vertrauen entsteht im direkten Kontakt, durch offenen und ehrlichen Austausch. Unserer Erfahrung nach war es wichtig, dass die jungen Menschen uns als Wissenschaftler*innen kennenlernen, mit uns diskutieren und kritische Fragen stellen konnten. Diesen beidseitigen persönlichen Austausch können soziale Medien und unidirektionale Informationsangebote im Internet so nicht ersetzen.
In unserem Projekt „Forschung in echt“ wollten wir insbesondere dorthin gehen, wo junge Menschen wenig Begegnungen mit der akademischen Welt haben, deshalb haben wir uns für Schulen entschieden. Wir hatten in unserem Team lange überlegt, welche Formate funktionieren könnten und für einen guten Kontakt notwendig wären, um das Vertrauen dieser jungen Menschen zu gewinnen. Interviews mit den Schüler*innen zeigen, dass wir ganz schön „weit weg“ für sie sind. Sie zeigen aber auch, dass man Vertrauen gewinnen kann.
2. Was können Jugendliche ausgerechnet am Beispiel der HPV-Impfung über Wissenschaft lernen?
Wir haben uns als wissenschaftlich arbeitende Ärzt*innen und Immunolog*innen bewusst für die HPV-Impfung entschieden, weil sie für das Leben der Jugendlichen unmittelbar relevant ist. Die Impfung schützt vor sexuell übertragbaren Infektionen und kann Krebsarten, insbesondere Gebärmutterhalskrebs, verhindern. Damit betrifft sie direkte Entscheidungen, die gerade in diesem Alter wichtig sind.
Gleichzeitig lässt sich an der HPV-Impfung hervorragend zeigen, wie Wissenschaft funktioniert: Woher wissen wir, dass eine Impfung wirksam und sicher ist? Wie entstehen wissenschaftliche Erkenntnisse, wie werden sie überprüft und wie unterscheiden wir wissenschaftlich begründete Aussagen von Falschformationen?
Gerade heute ist das besonders wichtig. Wenn selbst politisch einflussreiche Persönlichkeiten unbegründete Zweifel an der Sicherheit der HPV-Impfung verbreiten, zeigt das, wie notwendig es ist, wissenschaftliche Aussagen kritisch beurteilen zu können. Wir wollten den Jugendlichen deshalb nicht einfach sagen, was sie glauben und machen sollen, sondern ihnen vermitteln, wie sie selbst wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen einordnen können.
3. Was nehmen Sie persönlich aus dem Projekt mit und warum ist der Austausch mit Jugendlichen so wichtig?
Unser Team und mich hat vor allem beeindruckt, wie offen und neugierig die Schüler*innen waren. Sie haben sich auf uns eingelassen, obwohl wir aus einer ganz anderen Generation und Lebenswelt kommen. Wir konnten wiederum Einblicke in deren Gedanken bekommen und das war eine große Bereicherung.
Die Schüler*innen fanden es überraschend, dass wir Ihnen als Wissenschaftler*innen wirklich zugehört und sie ernst genommen haben. Das hat mich nachdenklich gemacht.
Die Schüler*innen haben auch viele relevante Fragen gestellt. Die haben verdeutlicht, dass zum einen das Spektrum an notwendigen Informationen breiter sein kann als man denkt, zum anderen aber auch abhängig davon ist, welche Gruppe an Menschen man erreichen möchte.
Es zeigt, wie wichtig es ist, jungen Menschen nicht nur etwas erklären zu wollen, sondern ihnen auch zuzuhören.
4.Hat Sie eine Frage von Schülerinnen oder Schülern besonders überrascht und warum ist die Teilnahme von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an so einem Projekt wichtig?
Weniger eine einzelne Frage als vielmehr insgesamt die Offenheit und Direktheit der Schüler*innen hat mich beeindruckt. Sie haben schnell gespürt, dass sie alles fragen dürfen und wir ihre Fragen ernst nehmen, auch wenn sie kritisch waren oder über das eigentliche Thema hinausgingen.
Genau deshalb ist es so wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler persönlich an solchen Projekten teilnehmen. Wir können nicht erwarten, dass junge Menschen der Wissenschaft vertrauen, wenn sie die Menschen dahinter und deren Arbeit nie kennenlernen. Im Gespräch können wir zeigen, dass Wissenschaftler*innen keine unfehlbaren Autoritäten sind, sondern Menschen, die Fragen stellen, nach Antworten suchen, manchmal irren und ihre Erkenntnisse immer wieder überprüfen. Wir konnten erklären, wie neue Ergebnisse entstehen, sich im Verlauf aber auch ändern können und als Grundlage für z.B. Impfempfehlungen dienen.
Und wir selbst lernen in diesem Austausch, die Welt auch einmal aus der Perspektive der Jugendlichen zu betrachten.
5. Was müsste sich ändern, damit Wissenschaft für junge Menschen relevanter und greifbarer wird?
Ich denke, wir Wissenschaftler*innen müssen uns Zeit für den persönlichen Kontakt mit jungen Menschen nehmen. Es reicht nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse auf den „Standardwegen“ zu präsentieren. Wir sollten Schüler*innen in Labore und an die Schreibtische einladen, um uns Menschen hinter der Forschung kennenzulernen. So können sie auch sehen, wie wir arbeiten und Ergebnisse zustande kommen. Wir müssen zudem bereit sein, unsere Institute und Kliniken zu verlassen, um in die Schulen zu gehen und uns auf die Fragen und Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen einzulassen.
Ich glaube, Wissenschaft wird dann greifbar, wenn sie nicht mehr als abstrakt und weit entfernt wahrgenommen wird. Man sollte versuchen zu vermitteln, dass Wissenschaft von ganz normalen Menschen gemacht wird, die versuchen, bestimmte Dinge besser zu verstehen.
Dass hinter der WissenschaftMenschen stehen, die von Neugier getrieben sind und sich bemühen, ihre Erkenntnisse in gesellschaftlich relevante Lösungen zu überführen.
Zur Person
Prof. Dr. med. Il-Kang Na ist Oberärztin in der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie und leitet am BIH die Arbeitsgruppe „Funktionelle Immunonkologie“. Sie ist auch Direktorin des BIH Charité Clinician Scientist Programms.