Wie verändert die Corona-Pandemie die Forschung? BIH diskutiert auf dem World Health Summit

Als beispielloser globaler Gesundheitsnotfall hat COVID-19 auch den Forschungsprozess erheblich verändert: Die Gesundheitsforschung im Kampf gegen das neue Coronavirus ist schneller, offener und kooperativer als gewöhnlich. Auf der anderen Seite bemängeln Kritiker den Verlust von Qualitätsstandards durch den enormen gesellschaftlichen Druck auf der Suche nach neuen Wirk- und Impfstoffen. Am 25.10.2020 diskutieren Wissenschaftler vom Berlin Institute of Health (BIH) mit Gästen auf dem World Health Summit 2020 über die veränderten Bedingungen in der Gesundheitsforschung und für die medizinische Translation während und nach der Coronapandemie.

„Die Änderungen lösen auch bei uns Forschern und Forscherinnen breite Diskussionen aus“, sagt Professor Ulrich Dirnagl, BIH-Chair und Gründungsdirektor des BIH QUEST Center. „Sie werden sowohl begrüßt als auch kritisiert.“ So profitieren Wissenschaftler*innen von schnellen Preprint-Veröffentlichungen, großzügigem Datenaustausch und beschleunigt genehmigten Ethikanträgen für klinische Studien. Kritiker sehen die einseitige Konzentration auf die Coronaforschung, den möglicherweise aufgeweichten Datenschutz und das zu schnelle „Durchwinken“ von Ethikanträgen. Die meisten Kontroversen gab es schon vor der Pandemie, etwa in Bezug auf Offenheit, der Auswertung routinemäßig erhobener Gesundheitsdaten oder der Zweitverwertung bereits vorhandener Wirkstoffe.  Andere COVID-19-bezogene Themen sind relativ neu, sagt Dirnagls Stellvertreter, Professor Daniel Strech. „Wir beobachten zum Beispiel, dass sich die Nicht-COVID-19-Forscherinnen und Forscher beklagen über mangelndes Interesse und sinkende Ressourcen.“

Mehr Kooperation auch bei anderen Krankheiten?

Auch für die medizinische Translation haben sich die Bedingungen geändert, sagt BIH-Chair Professor Christof von Kalle, der das BIH Clinical Study Center an der Charité leitet und die Coronaforschung an BIH und Charité koordiniert. „Wir erleben derzeit eine beispiellose Bereitschaft, gemeinsam voran zu gehen. Schon im Mai haben wir für das Nationale Netzwerk gegen COVID-19 einen gemeinsamen Kerndatensatz vereinbart, den alle Universitätsklinika nutzen. Er bringt uns in der Bekämpfung der Pandemie entscheidend voran, weil wir so von jedem Patienten und jeder Patientin lernen können.“

Die raschen Veränderungen der aktuellen biomedizinischen Forschung gehen somit über die Qualität und Ethik der COVID-19-Forschung hinaus und führen zu Fragen über zukünftige Entwicklungen der gesamten Forschung: Was können wir aus diesen Veränderungen lernen? Werden sie von Dauer sein? Warum sollte die weltweite Forschung zu anderen tödlichen Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria, Krebs oder Demenz weniger offen und weniger kooperativ sein? Und wie sollen wir diese Veränderungen gestalten, um das globale Gesundheitsforschungssystem voranzutreiben?

Für die Diskussion auf dem World Health Summit haben Dirnagl und Strech Referenten eingeladen, die verschiedene Schritte des Forschungsprozesses repräsentieren: Professor Christopher Baum, der Vorstandsvorsitzende des Berlin Institute of Health (BIH), vertritt mit seiner Institution die medizinische Translation, die Übertragung von Forschungsergebnissen aus dem Labor ans Krankenbett. „Nur Ergebnisse, die qualitativ hochwertig sind, halten dem aufwändigen Translationsprozess stand. Auch bei noch so hohem zeitlichem Druck, wie wir ihn gegenwärtig in der Coronapandemie spüren, darf die Forschung in diesem Punkt nie nachgeben. Sonst kann aus Forschung nicht Gesundheit werden.“ Professorin Theodora Bloom ist die Herausgeberin des angesehenen Britisch Medical Journals für die Veröffentlichung von Klinischen Studien. Sie muss sich täglich mit der Frage beschäftigen, ob die eingereichten Ergebnisse einer Überprüfung durch Fachkolleg*innen standhalten. Dr. Andreas Alois Reis kümmert sich bei der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, um die Ethik von Gesundheitsprogrammen, die letztlich auch auf der Basis von wissenschaftlichen Studien durchgeführt werden. Sie alle werden ihre Ansichten zu den langfristigen Auswirkungen der Pandemie einbringen: ob und wie sich die Gesundheitsforschung ändern wird und sollte.

Die Diskussion findet am Sonntag, den 25.10.2020 von 14:00 – bis 15:30 Uhr online statt und kann kostenlos angeschaut werden:
https://worldhealthsummit-org.zoom.us/j/93345592012
Meeting ID: 93345592012

Direkt im Anschluss von 16:00 – 17:30 Uhr diskutiert BIH-Chair Professor Christof von Kalle mit seinen Gästen zum Thema „Translation in Zeiten von Covid-19“.
https://worldhealthsummit-org.zoom.us/j/946677193030
Meeting ID: 946677193030

IM BIH-Podcast spricht Professor Ulrich Dirnagl zu veränderten Forschungsbedingungen unter Corona: https://www.bihealth.org/de/aktuelles/mediathek/bih-podcast/folge-21

Im Video äußert sich Professor Daniel Strech zum Thema: https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4909169