Ernst Theodor Rietschel wurde am 21. Mai 1941 in Gießen geboren. 1971 wurde er an der Universität Freiburg in Chemie promoviert und 1978 habilitiert. Nach weiteren Stationen als Postdoktorand an der Universität von Minnesota und am Max-Planck-Institut für Immunbiologie wurde er 1980 Professor für Immunchemie und Biochemische Mikrobiologie an der Medizinischen Hochschule Lübeck und gleichzeitig 25 Jahre lang Direktor am Forschungszentrum Borstel, Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften. Von 2013 bis 2015 verantwortete er den Aufbau des heutigen Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), das 2013 als Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) gegründet wurde. 

Sein wissenschaftliches Lebenswerk galt den bakteriellen Lipopolysacchariden und Endotoxinen, den molekularen Auslösern von Sepsis, sowie der angeborenen Immunität. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die Wechselwirkungen zwischen bakteriellen Bestandteilen und dem Immunsystem aufzuklären. Diese Arbeiten gehören zum Fundament jener Entzündungs- und Infektionsforschung, auf dem auch das BIH mit seiner translationalen Ausrichtung aufbaut: die Mechanismen von Krankheit verstehen und daraus wirksame Therapien entwickeln.

Doch Ernst Theodor Rietschel war nicht nur ein herausragender Forscher. Er war vor allem auch ein engagierter Gestalter der deutschen Wissenschaftslandschaft: Seit 2000 war er Mitglied der Leopoldina und von 2005 bis 2010 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Von 2010 bis 2020 war er EU-Beauftragter des Präsidiums der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech).

In diesen Ämtern setzte er sich für die Stärkung der außeruniversitären Forschung, für Interdisziplinarität und für den Dialog und Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ein. Er erhielt für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie zahlreiche weitere nationale und internationale Auszeichnungen. 

Als erster wissenschaftlicher Direktor des damaligen Berliner Instituts für Gesundheitsforschung stellte Rietschel von Beginn an die strukturellen und inhaltlichen Weichen für das heutige BIH. Forschungsschwerpunkte wie seltene Erkrankungen lagen ihm von Beginn an am Herzen, ebenso der systembiologische Ansatz. Insbesondere die translationale Mission des Instituts wurde stark von ihm geprägt: Grundlagen- und klinische Forschung sollten verzahnt und Erkenntnisse schnell in die Anwendung gebracht werden. Wichtig war ihm dabei die enge, nachhaltige Vernetzung zwischen Wissenschafts­einrichtungen, Universitäten und Kliniken. Er setzte sich bewusst für neue Strukturen zur Integration von Wissen und ein neues Verständnis der Aus- und Weiterbildung in der translationalen Forschung ein. Auch moderne und hochwertige Infrastrukturen für die wissenschaftliche Community waren für Rietschel eine Grundlage verantwortungsvoller Forschung. Die Struktur des heutigen BIH zeigt, wie diese Ansätze gewachsen sind und sich weiterentwickelt haben. 

Wer ihn in seinem Arbeitsumfeld kennenlernen durfte, schätzte seine herzliche Art, seine Nahbarkeit und seine auf Vertrauen in sich und andere beruhende Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Er richtete seinen Blick bewusst über den eigenen Fachbereich hinaus und war stets aufrichtig an den Menschen in seinem Umfeld interessiert. Wertschätzung war für ihn täglich gelebte Praxis. 

Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau, seiner Familie und allen, die ihm nahestanden. Sein Wirken und seine Menschlichkeit werden an BIH und Charité in tiefer Erinnerung bleiben.

 

Für das BIH
Prof. Dr. Christopher Baum, Vorsitzender des BIH-Direktoriums 
Dr. Doris Meder, Administrative Direktorin des BIH

Für die Charité
Prof. Dr. Heyo Kroemer, Vorsitzender des Vorstandes der Charité - Universitätsmedizin Berlin