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Herzkreislauferkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Allerdings verlaufen Herzinfarkt, Herzmuskelschwäche oder Erkrankungen der Herzkranzgefäße oft unterschiedlich je nach Geschlecht, und auch die Ursachen unterscheiden sich.

Bei der Herzmuskelschwäche ist die Funktion des Herzmuskels gestört. Die Muskelzellen sind schlecht strukturiert und von Bindegewebe durchsetzt. Dabei unterscheiden Kardiologen die Form, bei der sich die Herzkammern massiv ausdehnen, von der Form der Herzschwäche, bei der es zu einer unkontrollierten Wanddickenzunahme des linken Vorhofs und einem verringerten Volumen der linken Herzkammer kommt. „Bei Frauen tritt die letztere Form der Herzschwäche deutlich häufiger auf, wir wissen aber nicht warum“, berichtet Sophie Van Linthout. „Und weder für Frauen noch für Männer gibt es spezifische Therapieoptionen.“ Um hier Abhilfe zu schaffen, planen die Partner Knöll / Van Linthout / Tschöpe, geschlechtsspezifische Unterschiede in einer Maus zu erforschen, bei der eine genetische Veränderung dazu führt, dass ein bestimmtes Muskeleiweiß (Myosin) ständig aktiv ist und so zum Funktionsverlust der Herzmuskelzellen, der Fibrose und dem übermäßigen Wachstum des linken Vorhofs beiträgt.

Im zweiten Projekt von Jeanette Erdmann mit Teresa Gerhardt und Elisabeth Strässler geht es um die koronare Herzerkrankung. „Obwohl insgesamt die Todesrate durch Herzinfarkt und Schlaganfall in den letzten 20 Jahren um 60 Prozent zurück gegangen ist, sehen wir, dass ausgerechnet junge Frauen am wenigsten von dieser Verbesserung profitieren“, sagt Teresa Gerhardt, die Teilnehmerin des BIH Charité Clinician Scientist Programms ist. „Wir haben ein Gen gefunden, MYOZ2, das bei Frauen mit einem deutlich höheren kardiovaskulären Risiko vergesellschaftet ist als bei Männern“, erklärt Jeanette Erdmann. Die Forscherinnen wollen das MYOZ2-Gen in menschlichen induzierten pluripotenten Stammzellen ausschalten, einmal in weiblichen Zellen und einmal in männlichen. Anschließend wollen sie die so genetisch veränderten Stammzellen im Labor zu Gefäßzellen heranreifen lassen, um an ihnen zu erforschen, welche Folgen diese Manipulationen in Abhängigkeit vom Geschlecht haben.

Professor Christopher Baum, Vorsitzender des BIH Direktoriums und Vorstand für den Translationsforschungsbereich der Charité, betont: „Die unterschiedliche Ausprägung von Krankheiten bei Frau und Mann findet noch viel zu selten Eingang in medizinische Forschungsprojekte. Mit dem „BIH Excellence Award for Sex and Gender Aspects in Health Research“ wollen wir einen Beitrag leisten, um diese Lücke schließen. Wir freuen uns deshalb sehr, dass wir mit den diesjährigen Preisträgern hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auszeichnen, die uns dabei unterstützen und gleichzeitig wertvolle Kooperationspartner für unser Anliegen der medizinischen Translation sind.“

Über die Preisträgerin / den Preisträger:

Professorin Jeanette Erdmann hat in Köln Biologie studiert und ihre Doktorarbeit am Institut für Humangenetik in Bonn angefertigt. Nach der Promotion war sie in Berlin und Regensburg als Arbeitsgruppenleiterin tätig. Habilitiert hat sie sich an der Universität Regensburg. Seit 2003 ist sie an der Universität zu Lübeck tätig. 2012 wurde sie zur DZHK (Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauferkrankungen) Professorin auf Lebenszeit berufen. Seit 2013 leitet sie erfolgreich das neu gegründete Institut für Kardiogenetik, das sich zum Ziel gesetzt hat, die genetischen Faktoren besser zu verstehen, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, z. B. Atherosklerose und Herzinfarkt. Seit Juli 2021 ist sie Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Professor Ralph Knöll ist Chef-Wissenschaftler („Chief Scientist“) beim britisch-schwedischen Pharmaunternehmen AstraZeneca als auch als Pricipal Investigator am Medizinischen Institut des Karolinska Institut in Huddinge, Schweden tätig. Er wurde 2014 vom Imperial College in London berufen, wo er seit 2009 eine Professur und einen Lehrstuhl für Myocardial Genetics innehatte. Zuvor leitete er seit 2004 eine Arbeitsgruppe für kardiovaskuläre molekulare Genetik an der Georg August Universität in Göttingen. Knöll interessiert sich für die Genetik, Physiologie und Pharmakologie des Herzkreislaufsystems. Seine translationale Forschung zielt darauf ab, molekulare und epigenetische Mechanismen zu entschlüsseln, die der Biologie menschlicher Herzerkrankungen zugrunde liegen, und diese als Grundlagen für neue Therapien der Herzinsuffizienz zu nutzen.

Über den Preis:

Das Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité vergibt 2021 zum dritten Mal den „BIH Excellence Award for Sex and Gender Aspects in Health Research”. Der Preis soll die Sichtbarkeit von Geschlecht und Geschlechterfragen in der translationalen Forschung verbessern. Er würdigt herausragende Forschungsleistungen von Wissenschaftler*innen auf dem Gebiet der Biomedizin, die das Geschlecht und / oder geschlechtsspezifische Aspekte in ihre Forschung einbeziehen. Der Preis berücksichtigt sowohl die Bedeutung der Forschung der Antragstellenden als auch die zukünftige Kooperation mit einem Partner aus dem BIH. Indem das BIH die Expertise der Preisträger*innen nach Berlin holt, bringt es diese mit Mitarbeiter*innen des BIH zusammen. So entsteht ein gemeinsames Forschungsprojekt, das der Mission des BIH „Aus Forschung wird Gesundheit“ dient und sich auf Geschlecht- und / oder Genderaspekte in der Forschung konzentriert.

Die Gewinner erhalten jeweils 25.000 € zur Förderung und Weiterentwicklung des gemeinsamen Forschungsprojektes mit den BIH Partner*innen. Die Mittel stehen für einen Zeitraum von zwei Jahren zur Verfügung und können z.B. für die Betreuung einer Nachwuchswissenschaftlerin, die Nutzung von Dienstleistungen der BIH Core Facilities oder gemeinsame Publikationen genutzt werden.

Dr. Stefanie Seltmann

Leiterin Stabsstelle Kommunikation, Pressesprecherin

Kontaktinformationen
Telefon:+49 30 450 543 019
E-Mail:stefanie.seltmann@bih-charite.de