Folge 16: Warum werden die Ergebnisse vieler Tierversuche nicht veröffentlicht?

Interviewpartner: Daniel Strech, BIH Professor für Translationale Bioethik und stellvertretender Direktor des BIH QUEST Centers

Herzlich willkommen zum BIH-Podcast „Aus Forschung wird Gesundheit“ aus dem Berlin Institute of Health. Wir wollen in diesem Podcast Fragen beantworten rund um das Thema Gesundheit und Gesundheitsforschung. Mein Name ist Ole Kamm.

Heute bin ich zu Gast im BIH Quest Center und ich möchte wissen, warum die Ergebnisse von vielen Tierversuchen nicht veröffentlicht werden. Beantworten kann mir diese Frage Prof. Daniel Strech, dem stellvertretenden Direktor des QUEST Center. Er ist Professor für translationale Bioethik und hat kürzlich genau diese Frage untersucht.

Kamm: Herr Strech, was haben Sie da genau gemacht in der Untersuchung?

Strech: Wir haben mit zwei Tierschutzbeauftragten an der Medizinischen Hochschule Hannover und an der RWTH Aachen zusammen die Archive systematisch durchstöbert, um abgeschlossene Tierstudien zu identifizieren, und haben dann diese nachverfolgt. Also wir wollten wissen, wie viele abgeschlossene Tierstudien am Ende ein, zwei, drei oder mehr Jahre nach Studienende ihre Ergebnisse in einer Fachzeitschrift publizieren.

Kamm: Und was ist dabei herausgekommen?

Strech: Wir haben insgesamt etwas über 200 Studien nachverfolgt, ungefähr von jeder Einrichtung 100, und haben gefunden, dass wir für jeden Tierversuchsantrag bei ungefähr zwei Dritteln der Fälle mindestens eine Publikation finden, sodass wir dann auch den Schluss ziehen können, bei einem Drittel der abgeschlossenen Tierstudien ist auch Jahre nach Studienende, fünf Jahre nach Studienende noch keine Publikation zu finden.

Kamm: Was ist eigentlich das Problem, wenn ein Drittel aller Tierversuche nicht veröffentlicht wird? Sind die vielleicht auch einfach gar nicht so interessant oder nicht so relevant für die wissenschaftliche Öffentlichkeit?

Kamm: Vielleicht hat das tatsächlich Besonderheiten, die es einigermaßen legitim erscheinen lassen, dass die Ergebnisse nicht veröffentlicht werden. Was sind das für Tierversuche? Sind das zum Teil Tierversuche, die durchgeführt wurden, um eine bestimmte Prozedurerst mal zu trainieren, und das im Grunde nachvollziehbar Tierversuche gewesen sind, die notwendig waren, um am Ende robuste Ergebnisse zu bekommen für die eigentliche Fragestellung, die aber sinnvollerweise nicht unbedingt in einer Fachpublikation auftauchen müssen? Die müssen wiederum den Tierschutzbeauftragten bekannt sein. Das waren sie ja, wie wir in den Anträgen zeigen können. Die müssen auch qualitätsgesichert sein. Aber darum ging es uns jetzt ja nicht. Wie viel Prozent derer am Ende in Publikationen auftauchen, wollten wir uns anschauen.

Kamm: wovon hängt es ab, dass Forscher*innen eben dann tatsächlich auch die Studie veröffentlichen? Gibt es da einen Klassenbesten unter den Universitäten?

Strech: Kurz zu dem Klassenbesten: Das können wir eben bei Tierstudien aktuell nicht sagen, weil wir jetzt erst mal nur zwei Einrichtungen als Pilot nehmen konnten. By the way: Wir haben das ja aktuell für die klinische Forschung. Da sind wir so weit, dass wir, auch durch unsere Arbeitsgruppe Anfang letzten Jahres publiziert, über alle 38 medizinischen Fakultäten hinweg Daten publiziert haben dazu, wie oft die Ergebnisse von abgeschlossenen klinischen Studien veröffentlicht werden. Da können wir tatsächlich von Klassenbesten sprechen und sind aktuell dabei, mit verschiedenen Akteuren in Deutschland zu diskutieren, wie wir hier es verbessern können, weil auch dort im Grunde ein Drittel der abgeschlossenen klinischen Studien die Ergebnisse nicht veröffentlicht hat. Aber jetzt zurück zu der Frage: Woran liegt es? Ein häufiges Feedback, was wir von Tierforschenden hören, ist, dass die Zeit fehlt, die Zeit für eine Aktivität, die von den Universitäten, von der eigenen Karriereplanung gesehen her, auch nicht besonders belohnt wird. Wenn ich zum Beispiel ...

Kamm: Also das heißt, ich muss dann für mich abwägen, aus diesen Tierversuchen, da ist nicht viel herausgekommen also lohnt es sich für mich nicht als Forscher, das dann tatsächlich zu veröffentlichen und da noch mehr Zeit zu investieren, ein Paper zu schreiben?

Strech: Genau. Also die Frage ist: Was heißt nicht viel herausgekommen? Also das heißt dann zum Beispiel, die Ergebnisse, die man erzielt hat, kann man abschätzen, dass Zeitschriften, Fachzeitschriften, die zu den Top-Fachzeitschriften gehören und die für meine Karriere wichtig sind, dort zu publizieren, dass die wahrscheinlich nicht daran interessiert sein werden. Und dann ist die Frage, investiere ich jetzt wirklich die Zeit, einen aufwendigen Begutachtungsprozess zu durchlaufen, um am Ende in einer Fachzeitschrift die Ergebnisse publiziert zu bekommen, die mir in meiner Karriereplanung nicht unbedingt hilft. Oder auch für den Ruf in meiner Einrichtung, für die Vergabe von leistungsorientierten Mitteln werde ich damit nicht groß punkten. Aber nicht viel rausbekommen, ist natürlich verzerrt, wenn man das in diesem Sinne jetzt allein interpretieren würde. Das sind zum Teil falsche Anreize. Man kann die Forschenden da auch zum Teil verstehen, dass sie sagen, da bin ich hier nicht der Einzige, die Einzige, die so denkt. Aber natürlich wäre es grundsätzlich insbesondere aus ethischer Perspektive, Tierschutzperspektive sehr, sehr wichtig, alle Ergebnisse zu veröffentlichen. Weil nichts rausgekommen, eine Sackgasse quasi aufgezeigt, ist ja wichtig, dass das die Community mitbekommt, damit die Tierversuche nicht an anderen Einrichtungen dann wieder durchgeführt werden. Einmal zum Schutz der Tiere, aber auch einfach wirklich für den Schutz der Forschenden selber, die oftmals vielleicht redundante Ergebnisse, wiederum negative Ergebnisse produzieren, die sie selber gerne auch sich hätten erspart,

Kamm: Sie sagen es, gerade Tierversuche sind ja ein sensibles Thema, das auch in der Öffentlichkeit regelmäßig kontrovers diskutiert wird. Auf dem Weg von der Grundlagenforschung bis zur Therapie ist es aber auch ein wichtiger Baustein. welche Verantwortung habe ich als Forscher oder Forscherin vielleicht auch gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Öffentlichkeit?

Strech: Die hätte ich einmal, wenn ich Steuermittel verwendet habe für meine Tierforschung, was ja oft bei Grundlagenforschung der Fall ist, dass das DFG-, BMBF-, EU-finanzierte Projekte sind und die genehmigt wurden, weil man vernünftigerweise hat beantragen können und gut begründet hat in seinem Projektantrag, dass das ein wichtiger Erkenntnisgewinn wäre. Und wenn man dann rausfindet, dass es nicht funktioniert, hat man zwar privat den Erkenntnisgewinn, aber man ist es der Scientific Community, der wissenschaftlichen Fachgesellschaft eigentlich schuldig, diese Ergebnisse zu veröffentlichen, weil man hat die Gelder, die öffentlichen Gelder ja nicht bekommen, um selber den Erkenntnisgewinn privat zu haben, sondern für die Wissenschaft. Aber wenn ich Tierstudien habe, die Fragestellungen untersuchen, die vielleicht relativ direkt dann die Planung von klinischen Studien informieren, also die wirklich präklinische Forschung in letzter Konsequenz, dann kann es natürlich auch zu einer Fehlinformation für die Planung klinischer Studien führen, wenn ich nur die positiven Ergebnisse und nicht die negativen Ergebnisse, jetzt mal zugespitzt, veröffentliche. Dann könnte man häufig vielleicht meinen: Oh, wir haben hier etwas Positives, was wir jetzt am Menschen testen auf der Basis von eigentlich einer verzerrten Informationsgrundlage, weil die negativen Ergebnisse, die es auch gibt, gar nicht publiziert sind. Das ist die Spitze des Eisbergs des Problems, aber sie wird insbesondere von der Industrie, von den pharmazeutischen Herstellern zunehmend kritisiert, dass sie sagen: Wir vermuten, dass das, was publiziert wird in den bekannten Fachzeitschriften, Nature, Science, dass das uns nur sehr verzerrt darüber informiert, wo wir vielleicht neue klinische Studien starten sollten,

Kamm: Was muss sich, Sie haben es schon so bisschen angedeutet, verändern, damit Forscher*innen mehr oder sogar alle Ergebnisse aus den Tierversuchen tatsächlich auch veröffentlichen?

Strech: Also das eben schon angesprochene Anreiz-Belohnungs-Problem ist, glaube ich, zu adressieren. Es muss wissenschaftlich honoriert werden und anerkannt werden, dass man gute, sinnvolle Studien durchführt.

Kamm: Mit Geld? Mit Preisen?

Strech: Ja, was unsere klassischen Anreizsysteme sind. Also Anreiz ist à la longue vielleicht eine entfristete Stelle als Professorin, als Professor zu haben. Und wenn es bei Berufungsverfahren in Zukunft darum geht, dass man erläutert, wie viele der durchgeführten Studien am Ende auch die Ergebnisse veröffentlicht haben, dann wäre das ein Anreiz, dort punkten zu können, wenn ich sagen kann: Schauen Sie mal, meine Veröffentlichungsrate ist 100 Prozent. Und nicht nur sagen zu müssen: Schauen Sie mal, ich habe einen so und so hohen Impact-Faktor. Aber ganz wichtig ist natürlich, dass man überhaupt die Möglichkeiten hat, Ergebnisse zeitnah und auch effizient zu veröffentlichen. Deswegen wird wahrscheinlich eine zweite, sehr parallele Notwendigkeit sein, dass man nicht immer nur in Fachartikeln mit Begutachtung publiziert, sondern ähnlich, wie wir es im Bereich der klinischen Forschung über die letzten Jahre sich zunehmend entwickeln sehen, dass man Kurzzusammenfassungen von Ergebnissen auf den relevanten Plattformen hochlädt. Im Bereich klinischer Forschung habe ich eine Studie abgeschlossen, die vorher registriert gewesen ist an einem zentralen Register, ein europäisches Register meinetwegen, und kann dort meine Kurzzusammenfassung hochladen. Dass ich danach immer noch einen Fachartikel schreiben kann, das steht außer Frage. Auch die Fachjournale sagen: Sie können gerne erst Ihre Kurzzusammenfassung hochladen und dann bei uns publizieren. So was fehlt bei der Tierforschung komplett. Aber auch neue Publikationsformate wie zum Beispiel Preprints, quasi fertige Fachartikel, die man damit schon veröffentlicht hat, ohne sie in ein Begutachtungsverfahren geschickt zu haben, sind auch eine Möglichkeit, relativ zeitnah und effizient Ergebnisse erst mal zu veröffentlichen.

Kamm: Spielt auch der Begriff der Open Science eine Rolle in dem Punkt?

Strech: Ja, also Open Science eben so verstanden, dass man nicht nur das wirklich allen zugänglich macht, was man bereits publiziert hat. Das wird oftmals unter Open Access quasi etwas eng gefasst. Natürlich ist es auch wichtig, die bereits publizierten Fachartikel wiederum über Open Access dann einer wirklich breiten Community zugänglich zu machen. Aber die nicht in Fachartikel publizierten Ergebnisse, dass man die auch in anderen qualitätsgesicherten Formaten veröffentlicht, das ist ein erweiterter, wenn man so möchte, Open-Science-Verständnis.

Kamm: Herr Strech, die Qualität der biomedizinischen Forschung zu verbessern, ist ja auch die Mission des Quest Centers. Was haben Sie für Projekte, um bessere Rahmenbedingungen anzuregen?

Strech: Ja, vor einigen Wochen freigeschaltet, für alle Forschenden ist ein Tool, das heißt Fiddel, , das die verschiedenen Optionen aufzeigt und auch erläutert, wie die zu handhaben sind, mit denen man seine Schubladen quasi leerbekommt. Wo liegen überall noch nicht veröffentlichte Ergebnisse? Und wie kann ich die eigentlich mit welchem Format vernünftig veröffentlichen? Man geht also auf unser Tool, und gibt an, was für Datensätze man da hat und in welcher Form man die eigentlich gerne veröffentlicht sehen möchte. Und dann hat man die verschiedenen Optionen von Preprint über Data-Repositorium. Und es wird erläutert, was man tun mussdamit man diese Ergebnisveröffentlichung noch realisiert. Das ist eine Variante. Das andere ist, dass wir versuchen, durch eben kleine eher symbolische natürlich Anreize solche Dinge belohnen. Also wir haben einen kleinen Fonds, wo es 1000-Euro-Preise gibt, wenn man Negativergebnisse veröffentlicht. Aber auch ähnliche, jetzt wiederum mit Tierforschung zusammenhängende Projekte, wenn man zum Beispiel Tierstudien, die vielleicht positiv ausgefallen sind, noch mal repliziert, mit einem anderen Labor zusammen versucht, noch mal eine Bestätigung dieser Ergebnisse zu erzielen. Auch dafür kriegt man quasi Badges und 1000-Euro-Preise. Das sind alles nur wie gesagt symbolische Versuche, die aber signalisieren sollen, das ist etwas, was in der Scientific Community wertgeschätzt wird. Und auch in den Auswahlprozessen für Professuren. An der Charité gibt es einen neuen Blickwinkel. eine Perspektive, die in allen Auswahlprozessen zumindest berücksichtigt werden muss, die sich mit diesen Open-Science-Elementen beschäftigen. Also Bewerbungen auf Professuren an der Charité werden daraufhin auch überprüft, wie sie sich zu diesen Themen äußern können, was eigene Vorhaben sind, was man vielleicht rückblickend berichten kann über die eigene Karriere, wo man sich darum bemüht hat, eben möglichst vollständig zu veröffentlichen, zu reproduzieren und transparent zu sein.

Kamm: Für mich klingt das nach einem sehr wichtigen und sehr spannenden Projekt und einem wichtigen Anliegen. Vielen Dank für das Interview, Herr Strech.

Strech: Vielen Dank von meiner Seite.

Und das war der BIH Podcast „Aus Forschung wird Gesundheit“ aus dem Berlin Institute of Health. Professor Daniel Strech fand heraus, dass nur zwei Drittel aller Tierversuche veröffentlicht werden und erklärte, warum das ein Problem ist. Falls auch Sie eine Frage zu Gesundheit oder zur Gesundheitsforschung haben, schicken Sie sie gerne an podcast@bihealth.de. Tschüss und bis zum nächsten Mal, sagt Ole Kamm.