Partizipative Forschung im Kiez

Am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft wurde von Nils Merten im Rahmen einer Abschlussarbeit die Bedeutung von Quartiersmerkmalen für die Gesundheit untersucht. Im Fokus stand das Quartier „Zentrum Kreuzberg“, in dessen Mitte das Kottbusser Tor liegt. Dieses Quartier ist durch eine für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Anwohner*innen vielschichtige Problemlage gekennzeichnet. Um den potentiell gesundheitsschädigenden Einflüssen entgegenzuwirken, bietet sich ein Ansatz im Sinne der kommunalen Gesundheitsförderung an.

Folgende Forschungsfragen sollten in dem Projekt bearbeitet werden:

  • Wie nehmen die Anwohner*innen ihren Kiez in Bezug auf Gesundheit und Lebensqualität wahr?
  • Welche Ressourcen können sie identifizieren?
  • Welchen Einfluss haben sie auf gesundheitsrelevante Entscheidungen?

Diese Fragen wurden in einem partizipativ angelegten Datenerhebungsprozess mit acht im Kiez aktiven Personen bearbeitet: Während eines eintägigen Workshops erstellten die Teilnehmer*innen eine Karte des Quartiers „Zentrum Kreuzberg“ im Sinne des Community Mappings (siehe Abbildung), welche sie anschließend diskutierten. Die Community Map wurde deduktiv nach gesundheitsrelevanten Orten, Potentialen, Gefahren und Barrieren analysiert und die Gruppendiskussion inhaltsanalytisch ausgewertet.

Aus dem Material wurden die Kategorien „Infrastruktur“, „Beteiligungsverfahren“, „Stadtentwicklung und Verdrängung“, „Ressourcen“, „Problemlagen“ und „Community“ herausgearbeitet. Das Quartier verfüge in Bezug auf die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Anwohner*innen über eine gute Infrastruktur und weise eine Vielzahl von Ressourcen und Potenzialen auf. Allerdings spiegelte sich auch die im Quartiersbericht (Atrache-Younes et al., 2017) beschriebene Problemlage in der Diskussion der Teilnehmer*innen wider. Durch steigende Mieten und Immobilienspekulationen könnten diese durch soziale Verdrängungsprozesse weiter verschärft werden: Gerade Maßnahmen zur Reduzierung dieser Problemlagen könnten aufgrund weiter steigender Preise zur Bedrohung für die Anwohner*innen werden. Viele Menschen könnten daher von der verbesserten bzw. gesundheitsfördernden Lage wenig bis gar nicht profitieren. Zentrale Kritik wurde auch an aktuellen Beteiligungsverfahren über Gesundheit und Stadtentwicklung betreffende Themen geäußert, die häufig lediglich pro forma genutzt würden, um bereits feststehende Konzepte zu legitimieren. Somit wird der eigene Einfluss auf politische oder wirtschaftliche Entscheidungen im Quartier als gering wahrgenommen.

Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass die Partizipation der Anwohner*innen als ein Schlüssel für erfolgreiche, nachhaltige Umsetzung von Projekten zur kommunalen Gesundheitsförderung wahrgenommen werden sollte. Eine nachhaltige, auf die Anwohner*innen ausgerichtete Verbesserung der Problemlagen im Kiez lässt sich nur durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe erreichen.

Die Bachelorarbeit entstand im Rahmen des Studiengangs Gesundheitswissenschaften und wurde von Dr. rer. cur. Ines Wulff (Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre und evidenzbasierte Ausbildungsforschung, DSFZ) und Judith Czakert (Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft) betreut.

Referenzen:

Atrache-Youned, L., Bosa, N., Hilse, T. & VDE e.V. (2017). Integriertes Handlungs- und Entwicklungskonzept 2017-2019. Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg/Oranienstraße. Online verfügbar

Merten, N. (2018). Die Bedeutung von Quartiersmerkmalen für die Gesundheit. Eine partizipative Untersuchung mit Anwohnern und Anwohnerinnen des Kottbusser Tors in Berlin. Unveröffentlichte Bachelorarbeit, Charité – Universitätsmedizin Berlin.